Preis für Gesundheitsnetzwerker für die gemeinsam geführte Patientenakte im Kinzigtal

Das Projekt „MyDoks – Patient Empowerment durch eine gemeinsam geführte Patientenakte“ erhält den diesjährigen Preis für Gesundheitsnetzwerker in der Kategorie „Idee“. Das Preisgeld von 20.000 Euro stiftet die Berlin-Chemie AG für die besten integrierten Versorgungsprojekte/das beste integrierte Versorgungsprojekt. Der Preis wird auf dem Kongress für Gesundheitsnetzwerker am 29. März 2017 überreicht. Für die Universität Witten/Herdecke begleitet Prof. Dr. Tobias Esch das Projekt im integrierten Versorgungsmodell „Gesundes Kinzigtal“, indem er die Vorteile einer offenen Arzt-Patienten-Beziehung untersucht.

Zum Hintergrund:
Was ändert sich, wenn der Patient genau weiß, was der Arzt über ihn weiß? Wenn er in die Krankenakte hineinsehen kann und quasi mitlesen kann, was der Arzt notiert? Spekulationen und Befürchtungen gibt es viele – Praxis noch keine. Zumindest in Deutschland, aber das ändert sich nun mit einem Pilotprojekt in der Region Kinzigtal: Unter dem Namen „MyDoks“ nutzt ein neues Informationssystem die im integrierten Versorgungsmodell „Gesundes Kinzigtal“ bestehende, praxisübergreifende elektronische Patientenakte. Prof. Dr. Tobias Esch von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) wird das Projekt wissenschaftlich begleiten: „Es wird spannend sein zu sehen, ob und wie die Behandlung besser wird. Wir haben in Deutschland viele chronisch kranke Patienten wie Diabetiker oder Bluthochdruckkranke, die eingefahrene Verhaltensmuster verändern lernen müssen, um die Krankheit nicht zu verschlimmern oder ihren eigenen Beitrag zur Verbesserung zu leisten. Da kann der Arzt nicht mehr mit einer Pille alleine helfen, da bringen Vertrauen und Einsicht den wesentlichen Fortschritt“ erklärt Prof. Esch den Hintergrund der Idee. „Es geht am Ende darum, dass Arzt und Patient zu einem Behandlungsplan kommen, der für den Patienten in seinem Alltag auch lebbar und umsetzbar ist.“

Esch gehörte dem US-Forscherteam um Tom Delbanco an der Harvard Medical School an, das die Idee einer transparenten Arzt-Patienten-Kommunikation mithilfe von Online-Patientenportalen erstmals getestet hat. Dieses „Open Notes“-Team konnte in wissenschaftlichen Studien u.a. zeigen, dass es durch die „offene Karteikarte“ offenbar sehr viel besser gelingt, Patienten für einen Behandlungsplan zu gewinnen und auch „bei der Stange zu halten“, wenn sie mehr Informationen zu ihrem Gesundheitszustand haben.

Eine dieser Studien aus dem Jahr 2012 konnte zeigen, dass

– Vier von fünf Patienten ihre Einträge gelesen hatten,
– zwei Drittel der Befragten über potenziell klinisch relevante Vorteile berichteten
– 99 Prozent der Patienten wollten die Praxis nach Ende der Studie fortsetzen unabhängig davon, ob sie ihre Einträge gelesen hatten oder nicht,
– 85 Prozent gaben an, dass dieses Angebot für sie in Zukunft bei der Wahl ihres Arztes wichtig wäre.

Auffällig war auch, dass sich kein Arzt nach Ablauf des Studienzeitraums dafür entschied, die Open-Notes-Praxis zu beenden. Und dieses, obwohl die Ärzte anfangs sehr skeptisch waren: sie hatten Sorgen vor einem erhöhten Zeitaufwand; man erwartete verunsicherte oder vermehrt nachfragende Patienten; es bestanden Ängste vor einem „gläsernen Arzt“. Am Ende schien all dieses praktisch wie verflogen – die 100 Allgemeinärzte aus der initialen Studie machten alle freiwillig weiter. Auch hatten sich Gesundheitskompetenz und Selbsthilfefähigkeit der Patienten deutlich verbessert sowie insgesamt die Qualität der Gesundheitsversorgung. Die Wissenschaftler nutzen dafür u.a. das Wort „Engagement“, das die aktive Einbeziehung des Patienten in die Therapie bezeichnet. „Informiertere Patienten können sich selber besser managen, denn es geht ja gerade um das Verständnis der Zusammenhänge und der Behandlungspfade, also was wie aufeinander aufbaut.“

Eine weitere Studie von 2016, die insbesondere die schwerer Betroffenen untersuchte, das heißt Patienten mit mehreren Diagnosen und einer höheren Krankheitslast, die so auch mehr Arztbesuche und folglich „Notes“ zu lesen hatten, offenbarte ebenfalls, dass diese Patienten besser nachvollziehen konnten, was genau beim Arztbesuch besprochen wurde. Auch entdeckten sie Fehler, durchaus mit medizinischer Relevanz. Aber besonders eindrücklich war vielleicht, dass sich die Arzt-Patienten-Beziehung, obwohl Fehler durch Patienten aufgedeckt wurden, stark verbessert hatte – das Vertrauen der Patienten in die Ärzte stieg nachhaltig. Und ihre Selbsthilfe- und Selbstmanagementfähigkeit. Das übertrug sich auch auf die Medikamenteneinnahme.

Auch in Deutschland kann jeder rein theoretisch gemäß Paragraph 630g BGB seine Akte einsehen, praktisch gibt es hohe Hürden und es wird selten umgesetzt. In der Region Kinzigtal wird nun ein System ausprobiert, das sowohl technisch als auch in Hinsicht auf den Datenschutz diese Hürden kleiner machen soll. Wie beim Online-Banking loggen sich die Patienten in ein geschütztes Portal ein und können ihre und nur ihre Daten dort einsehen.

Weitere Informationen bei Prof. Dr. med. Tobias Esch, 02302 / 926-838, Tobias.Esch@uni-wh.de

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 2.400 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

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