„Praxisschock“ schon im Studium

Die Schwächen ihres abgeschlossenen Bachelor-Studiums der Psychologie wurden Lena Hasselberg bei ihren ersten Einsätzen im Deutschen Herzzentrum Berlin schnell bewusst: „Wie ich professionell mit einem Patienten umgehen soll, der plötzlich weinend vor mir steht – das hatte ich nie gelernt.“

Inzwischen hat sich daran bereits einiges geändert. Denn die 26jährige absolviert seit einem Jahr den europaweit einzigartigen Psychologie-Masterstudiengang mit der Vertiefungsrichtung „klinische Psychologie und deren Anwendung in der Krankenversorgung“. Der von der privaten und staatlich anerkannten Steinbeis-Hochschule Berlin und dem Deutschen Herzzentrum Berlin gemeinsam angebotene Studiengang verbindet Hochschullehre mit intensiver praktischer Klinikerfahrung.

„Früher hat man ‚Praxisschock‘ gesagt – wir machen das schon im Studium“, sagt Prof. Wolfgang Albert. Der Diplom-Psychologe und Arzt für Psychosomatik leitet die psychosomatische Abteilung am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB), die bereits bei der Gründung der Klinik im Jahr 1986 eingerichtet wurde. Denn von Anfang an sei den Kardiologen und Chirurgen bewusst gewesen, wie wichtig bei aller High-Tech-Medizin auch die psychologische Betreuung für den Genesungsprozess ist, so Albert: „Schwere Herzerkrankungen und ihre oft komplexe und langwierige Therapie können natürlich auch eine große seelische Belastung sein, die genauso professionell behandelt werden muss wie das rein körperliche Leiden“.

Der Psychosomatiker und sein Team hatten allerdings ein zunehmendes Nachwuchsproblem: „Es bewarben sich zwar immer viele gut ausgebildete Psychologen“, sagt Albert, „aber keiner davon hatte Krankenhaus-Erfahrung.“ Im Jahr 2011 vereinbarten die Steinbeis-Hochschule Berlin und DHZB deshalb die Zusammenarbeit zum „Steinbeis-Transfer-Institut Medical Psychology“ mit dem Angebot eines Master-Studiengangs, welcher praktische Einblicke und Tätigkeiten direkt im Herzzentrum beinhaltet.

Im ersten Semester begleiten die Studentinnen und Studenten das Psychosomatik-Team des DHZB zunächst nur, erst nach und nach betreuen sie auch eigene Fälle und müssen sich praktisch wie wissenschaftlich mit ihnen auseinandersetzen: Transplantationspatienten, in deren Brust das Herz eines verstorbenen Menschen weiter schlägt, Menschen, die nur mit Hilfe einer künstlichen Pumpe am Herzen überleben können, oder Eltern von Säuglingen mit schweren angeborenen Herzfehlern, die bereits kurz nach der Geburt stundenlange riskante Operationen durchstehen müssen.

„Die ersten Einsätze in der Klinik sind unglaublich intensiv, vieles geht einem auch persönlich sehr nahe“, sagt Studentin Lena Hasselberg. „Aber wir werden auch in dieser Hinsicht wirklich gut betreut und lernen in vielen Gesprächen, uns mit den eigenen Gefühlen auseinander zu setzen.“

Am Berliner „Steinbeis-Transfer-Institut Medical Psychology“ werden die angehenden klinischen Psychologen befähigt, körperlich erkrankten Patienten optimal zur Seite zu stehen. So gehört zum Masterstudium neben allen relevanten psychologischen Inhalten auch die Lehre von umfassendem medizinischen Grundlagenwissen, nicht nur im Bereich der Herzmedizin.

Auch außerhalb der akut-medizinischen Versorgung ist dieses Wissen sehr wertvoll, da Patienten, welche – etwa in psychotherapeutischen Praxen – eine Behandlung für ein seelisches Leiden suchen, häufig zusätzlich unter einer körperlichen Erkrankung leiden.

Mit fast 600 Euro pro Monat ist das zweijährige Studium zwar nicht billig – dafür haben Lena Hasselberg und ihre Kommilitonen aber nach ihrem Abschluss auch gute Aussichten, denn die Absolventen sind gefragt: „Eine praxisorientierte und fundierte psychologische Betreuung von Patienten und ihren Angehörigen wird für alle Kliniken immer wichtiger“, so Prof. Wolfgang Albert.

Lena Hasselbergs Fazit nach der Hälfte ihrer Regelstudienzeit fällt durchweg positiv aus: „Die Referenten, die Kommunikation mit der Institutsleitung, die Wertschätzung unserer Arbeit – ich bin begeistert“.

Vor allem aber werde ihr immer wieder bewusst, wie viel klinische Praxis sie erleben dürfe, gerade im Gespräch mit Teilnehmern anderer Masterstudiengänge: „Da müssen Studenten in Gesprächssituationen den Patienten spielen – und das haben wir hier garantiert nicht nötig.“

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