Palliativversorgung braucht interdisziplinäre Forschung,frühe Integration & finanzielle Absicherung

„Menschen in schwerer Krankheit wie auch ihre Angehörigen müssen in stationären Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, stationären Hospizen, kulturübergreifenden Organisationen wie auch im häuslichen Umfeld kompetente Ansprechpartner finden.“ so Prof. Dr. Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Entsprechend breit und gleichzeitig spezifisch müsse die Fort- und Weiterbildung der beteiligten Berufsgruppen sein – eine Herausforderung, welcher sich der heute in Bremen begonnene 12. DGP-Kongress unter dem Motto „Auf breiten Wegen – Integration, Innovation, Intuition“ stellt.

So werden heute und in den kommenden drei Tagen vielfältige Aspekte der Palliativversorgung von diversen Fachdisziplinen in den Blick genommen, erläutert Kongresspräsident Prof. Dr. Friedemann Nauck, Göttingen. In den Plenarveranstaltungen wird der Bogen gespannt von der pflegewissenschaftlichen Perspektive des Auftaktvortrags von Prof. Dr. Gabriele Meyer bis zum Abschlussplenum zur patientenorientierten Medizin mit dem Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther. Auch in den 35 thematisch strukturierten Parallelsitzungen mit Vorträgen besteht ebenso wie in Workshops, Meet the Expert-Sitzungen, Basics für Einsteiger sowie Falldiskussionen in kleiner Runde Gelegenheit, sich mit Fragen zur Behandlung und Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu befassen.

Neu auf dem Kongress ist ein eigener Strang zu aktueller Forschung, ergänzt Kongresspräsidentin Dr. Birgit Jaspers, Bonn & Göttingen, geprägt durch „Methodenvielfalt und Interdisziplinarität“. Wissen-schaftlerinnen und Wissenschaftler beispielsweise der Pflegewissenschaft, Medizin, Soziologie, Psychologie, Philosophie oder Ethnologie beschäftigen sich intensiv mit Fragen von hoher Relevanz für die Versorgungsforschung.

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe, Bonn, betont in diesem Zusammenhang die hohe Bedeutung adäquater palliativmedizinischer Versorgung krebskranker Menschen als wichtiges Kriterium für die von der Deutschen Krebshilfe geförderten ‘Onkologischen Spitzenzentren‘. „Die von uns eingerichtete Arbeitsgruppe ‘Palliativmedizin‘ des Netzwerks der Spit-zenzentren hat sich zum Ziel gesetzt, die Palliativmedizin auch über die Comprehensive Cancer Cen-ter in Deutschland weiterzuentwickeln und für Patienten den Weg zu einer umfassenden Versorgung auf höchstem Niveau auch in der Fläche zu ebnen“, erklärt Nettekoven. Denn gerade in ländlichen Regionen könne der Wunsch nach einer palliativen Begleitung am Lebensende nach aktuellsten wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen oft nur schwer erfüllt werden.

„Auch das Ende 2015 vom Deutschen Bundestag verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz, das von der Deutschen Krebshilfe sehr begrüßt worden ist, sollte dazu beitragen, weitere Versorgungslücken zu schließen“, so der Vorstandsvorsitzende. Seit Inkrafttreten des Gesetzes habe sich die Finanzierung ambulanter und stationärer Hospizleistungen bereits deutlich verbessert und strukturelle Angebote, wie beispielsweise der Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellung der Betroffenen durch die gesetzlichen Krankenkassen, wurden geschaffen. „Damit sind Grundsteine gelegt. Der weitere Erfolg der gesetzlichen Regelungen wird jedoch abhängig sein von der fortlaufenden Ausgestaltung und zielorientierten Umsetzung des Gesetzes in den nächsten Jahren. Ziel muss eine flächendeckende Palliativmedizin auf höchstem Niveau in allen betreffenden Versorgungsstrukturen sein“, ergänzt Nettekoven.

Im Konkreten erfordert dies, so Prof. Lukas Radbruch, eine bundeseinheitliche Regelung zur Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV), wie sie derzeit diskutiert wird, eine kostendeckende Finanzierung von Palliativdiensten in allen Krankenhäusern, zumal aktuell nicht einmal 20 Prozent der Häuser über eine Palliativstation verfügen. Darüber hinaus bedarf es der Zertifizierung von Palli-ativstationen, dazu hatte die DGP im vergangenen Jahr ein eigenes Zertifizierungsverfahren implementiert.

Qualitätssicherung heißt im Rahmen des Kongresses, sowohl neue Entwicklungen in der Linderung zum Beispiel von Atemnot oder neuropsychiatrischen Symptomen abzubilden als auch den Umgang mit herausfordernden Substanzen wie Methadon oder Cannabinoiden ebenso wie den Off-Label-Use zu diskutieren. Gegenstand des offenen Austauschs sind außerdem ethische Fragen zur Beendigung von Therapien oder zum Umgang mit einem Todeswunsch bzw. dem Entschluss zum Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit wie auch rechtliche Fragen in der Palliativversorgung und eher tabuisierte Themen wie Gewalt in der Pflege.

Das Leitmotiv des Kongresses bedeute zudem, so Prof. Dr. Friedemann Nauck und Dr. Birgit Jaspers, für lebensbedrohlich erkrankte Menschen und ihre Angehörigen durch vielfältiges Engagement und Multidisziplinarität die Zukunft der Palliativversorgung „auf breiten Wegen“ zu reflektieren und zu gestalten. Gleichzeitig gilt es, mit spezifischen Bedürfnissen und Herausforderungen umzugehen. So sind Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, Menschen aus anderen Kulturkreisen und Senioren in besonderer Weise im Fokus des Kongresses.

Ältere Menschen haben oftmals das Anliegen, ihre Behandlung und Versorgung vorauszuplanen und sich im Falle einer gesundheitlichen Verschlechterung auf die Berücksichtigung des von ihnen geäußerten Willens verlassen zu können. „Die Versorgung von alten und hochbetagten Patienten in ihrer letzten Lebensphase in stationären Pflegeeinrichtungen stellt nach wie vor eine große Herausforde-rung nicht nur im Rahmen der Palliativversorgung dar.“ Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit lebenslimitierenden und -bedrohenden Erkrankungen sowie Nahestehende bzw. Angehörige aller Zielgruppen der Palliativversorgung sind ebenfalls wichtige Themen des Palliativkongresses.

Wesentlich ist es, auch Optionen zur gesellschaftlichen Diskussion zu eröffnen: Dr. Hans-Joachim Willenbrink, Vorsitzender des lokalen Organisationskomitee, Bremen, ist sehr erfreut, dass es gemeinsam mit den Mitgliedern des engagierten Lokalen Komitees und finanziert durch den Förderverein „Palliativstation am Klinikum Links der Weser e.V.“ gelungen ist, die begleitende „Bremer Woche der Palliativmedizin“ vorzubereiten: Noch bis zum 8. September haben Kongressteilnehmer wie auch Bremerinnen und Bremer Gelegenheit zum Besuch von Vorträgen, Bürgerforum, Theaterstück, Kofferausstellung u.v.m.. Der DGP ist es außerdem eine Freude, dass der Präsident des Senats und Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen Dr. Carsten Sieling, als Schirmherr des Kongresses zur Eröffnung sprechen wird.

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