Online-Sucht – neue Therapie in der Fachklinik Römerhaus

Von 60 Millionen Deutschen, die das Internet nutzen, sind laut wissenschaftlicher Studien 5 bis 7 % onlinesüchtig. Das sind weit über zwei Millionen Menschen. Aber was bedeutet Online-Sucht überhaupt – und wer ist davon betroffen? Wer zum ersten Mal mit dem Thema Online-Sucht in Berührung kommt, stellt sich mit Sicherheit diese und viele weitere Fragen. Gotthard Lehner, Suchtexperte und Klinikleiter der Fachklinik Römerhaus in Sulzberg / Allgäu hat sich all diesen Fragen gestellt und ein Therapiekonzept für Online-Sucht entwickelt. Betroffene finden ab jetzt im Römerhaus Hilfe. www.roemerhaus-fk.de

Wie unterscheidet sich die Online-Sucht von der pathologischen Glücksspielsucht – abgesehen vom finanziellen Schaden bei letzterer?
Wie unterscheiden sich die Patienten (Alter, Geschlecht, soziale Situation etc.)?

Unter Onlinesucht versteht man den exzessiven Gebrauch des Mediums Internet. Häufig sind die Menschen über 35 Stunden in der Woche online. Der Bezug zur realen Welt geht zunehmend verloren und die virtuelle Welt wird mehr und mehr zur Parallelwelt bis hin zur Ersatzwelt. Sie dient immer mehr dazu, Anerkennung und Bestätigung zu finden, Beziehungen aufzubauen und Lust oder Spannung zu finden. Ein Verzicht auf das Internet bewirkt ausgeprägte Mangelerscheinungen. Unterteilt wird in drei Bereiche: Kommunikations-, Spiel- und Sex-Sucht.

Erste, auch unter dem Begriff „Chatten“ bekannt, tritt bei Menschen jeden Alters, Geschlechts und Bildungsstandes auf. Auffallend ist aber, dass in der Summe eher Frauen und Mädchen betroffen sind. Als Ursache gelten innere Einsamkeit und latente Sehnsüchte, die nicht ausgelebt werden können. Das Internet bietet den Betroffenen die Faszination des Neuen sowie unbegrenzte Möglichkeiten, sich weltweit mit Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Gruppierungen auszutauschen.
Die Onlinespielsucht tritt im Gegensatz zur Kommunikationssucht fast ausschließlich bei Jugendlichen auf. Diese sind überwiegend männlich – meist handelt es sich um Rollenspiele im Internet. Eine Gruppe muss dabei gemeinsam Aufgaben bestehen und sich gegen andere Gruppen durchsetzen. Der Unterschied zur pathologischen Spielsucht liegt darin, dass der Betroffene sich seine eigene Welt schafft. in diese taucht er völlig ab – das Leben findet ausschließlich im Netz statt.

Die dritte Art von Online-Sucht ist die Online-Sexsucht. Der größte Teil der dieser Variante Betroffenen ist wie ebenfalls männlich.

Ist Online-Sucht bereits als Erkrankung anerkannt? Seit wann?
Nein, auch 2011 ist die Behandlung von Online-Sucht in Deutschland leider noch nicht eindeutig geklärt. In den neuen amerikanischen Behandlungsmodulen (DSM –V) dagegen wird Onlinesucht bereits heute als Abhängigkeit anerkannt. Nichtsdestotrotz therapieren wir im Römerhaus, das die erste Fachklinik Bayerns für die stationäre Therapie von Glücksspielsucht ist, auch Patienten mit diesem Suchtbild.

Wie stehen hier die Heilungschancen? Computer und Internet sind aus dem Alltag heute nicht mehr wegzudenken …
Das stimmt. Das Problem bei einer Therapie ist tatsächlich, dass das gewöhnliche Therapieziel einer stofflichen Abhängigkeit, nämlich die möglichst vollständige Abstinenz, nicht erreichbar ist. Computer und andere elektronische Medien gehören zum alltäglichen Leben. Im Rahmen einer Therapie lernen die Betroffenen jedoch einen bewussteren sowie gesellschaftlich tolerierten und angepassten Umgang mit dem Medium Computer und der Internetnutzung.

Gibt es in Bayern bereits weitere Kliniken mit Spezialisierung auf die Therapie von Online-Sucht? Seit wann nimmt das Römerhaus diese Patienten auf?

Das Römerhaus nimmt seit ca. 2 Jahren onlinesüchtige Patienten auf. Allerdings nur, wenn es sich um eine Sekundär-Indikation handelt. Die Ursache dafür liegt in der prinzipiellen Fragestellung, ob Onlinesüchtige überhaupt einer Behandlung bedürfen.

Wie lange dauert die Therapie?

Eine Therapie in der Fachklinik Römerhaus dauert 12 Wochen.

Gibt es Erkenntnisse darüber, ob Betroffene auch andere Drogen (Aufputschmittel, Alkohol etc.) im direkten Kausalzusammenhang mit der Online-Sucht bzw. als Folge dieser konsumieren? Wenn ja – welche?

Menschen mit einer Cannabisabhängigkeit und pathologische Glücksspieler haben ein statistisch höheres Risiko einer Onlineabhängigkeit als alkoholabhängige Menschen oder die Gesamtbevölkerung.

Wie viele Betroffene gibt es schätzungsweise in Deutschland? Wie ist die Tendenz (Zukunftsprognosen)?

Von 60 Millionen Deutschen, die das Internet nutzen, sind laut wissenschaftlicher Studien 5 bis 7 % onlinesüchtig – das ergibt insgesamt weit über 2 Millionen Betroffene.

Langjährige Erfahrung mit Suchterkrankungen

Das Römerhaus-Gebäude des ehemaligen Jodbades Sulzbrunn mit seinem Träger „Deutscher Gemeinschafts-Diakonieverband GmbH, Marburg/Lahn“ wurde 1960 vom Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe in Gunzenhausen übernommen und als „Heilstätte“ für suchtkranke Männer ausgebaut. Heute werden ausschließlich Männer zwischen 18 und 75 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet, vorzugsweise jedoch aus Bayern und Baden-Württemberg, behandelt. Es können 46 Therapieplätze zur Verfügung gestellt werden; die Patienten werden durch ein interdisziplinäres Fachteam medizinisch und psychologisch betreut und im Rahmen von Gruppen- oder Einzeltherapien, wie auch durch Werkstätten, Sport und kreative Unternehmungen allgemein und individuell therapiert. www.suchtkliniken-bayern.de

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