Online-Beratung als Herausforderung für angehende Ärzte

Was an Fragen zur Gesundheit früher nur durch den Gang zum Arzt geklärt werden konnte, wird heute vielfach im Internet diskutiert. Beispielsweise nutzen immer mehr Menschen medizinische Expertenforen im Internet, in denen sie sich von Ärzten beraten lassen können. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“ haben in Kooperation mit der Universitäts-Frauenklinik ein Online-Forum entwickelt, das sowohl als Lern- als auch Untersuchungsumgebung genutzt wird. Medizinstudierende des neunten Fachsemesters haben im Rahmen einer Lehrveranstaltung im Bereich der Gynäkologie in diesem Online-Forum Patientenanfragen beantwortet. Mit der Studie wurde untersucht, wie die Formulierung der Anfragen von Patienten das Antwortverhalten angehender Mediziner beeinflusst.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Medizinstudierende auf emotionale Patientenanfragen emotionaler antworten als auf wissenschaftlich formulierte Anfragen. Generell nutzen Medizinstudierende aber unabhängig von der Wissenschaftlichkeit der Anfrage viele wissenschaftliche Begriffe. Außerdem zeigt die Studie, welche Rolle das persönliche Gesundheitsverständnis der Medizinstudierenden in Bezug auf ihre Antworten spielt. Studierende, denen wissenschaftliche Erkenntnis, standardisierte Tests und Leitlinien besonders wichtig sind, d.h. die eine stark schulmedizinische Auffassung von Medizin vertreten, gaben wissenschaftlichere Antworten und reagierten weniger emotional zugewandt. Sie bemühten sich außerdem weniger um den Beziehungsaufbau zu den Patienten. Zusammenfassend zeigt die Studie, dass auf Seiten der Medizinstudierenden online-basierte Patientenkommunikation bereits im Studium geübt werden kann und dies angesichts der gestiegenen Relevanz auch geschult werden sollte. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass Forenantworten von medizinischen Experten meist wissenschaftlich geprägt sind. Wer aber emotionale Unterstützung oder Lebensrat sucht, sollte seine Ängste explizit formulieren – sonst wird die Antwort in Online-Foren auf der Faktenebene bleiben.

Die internet-basierte Kommunikation stellt eine neue Herausforderung für Ärzte dar, auf die sie bereits im Studium vorbereitet werden sollen. Patienten erwarten sich von einer Online-Beratung ähnliche Aspekte wie von einer persönlichen Sprechstunde, nämlich emotionale Unterstützung und eine verständliche Vermittlung von Fachinformationen. Ein Online-Expertenforum stellt jedoch eine stark reduzierte Kommunikationssituation dar. Es besteht dort keine Möglichkeit, nonverbale Äußerungen wie Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder andere körperliche Gegebenheiten von Patienten zu erkennen und zu interpretieren. Der Formulierung der Anfrage eines Patienten und der jeweiligen Antwort kommt daher eine besondere Bedeutung zu.

Die Studie entstand im Rahmen des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“ in einer Zusammenarbeit des Leibniz-Instituts für Wissensmedien mit dem Kompetenzzentrum für Hochschuldidaktik in Medizin Baden-Württemberg und der Universitäts-Frauenklinik Tübingen.

Studie:
Bientzle, M., Griewatz, J., Kimmerle, J., Küppers, J., Cress, U., & Lammerding-Koeppel, M. (2015). Impact of scientific versus emotional wording of patient questions on doctor-patient communication in an Internet forum: A randomized controlled experiment with medical students. Journal of Medical Internet Research, 17, e268.

Weitere Informationen:
Dipl.- Psych. Martina Bientzle
Leibniz-Institut für Wissensmedien
Schleichstraße 8, 72076 Tübingen
m.bientzle@iwm-tuebingen.de
07071/979-120

PD Dr. Joachim Kimmerle
Leibniz-Institut für Wissensmedien
Schleichstraße 8, 72076 Tübingen
j.kimmerle@iwm-tuebingen.de
07071/979-363

Jan Griewatz, M.A.
Kompetenzzentrum für Hochschuldidaktik in Medizin Baden-Württemberg
Elfriede-Aulhornstr. 10, 72076 Tübingen
jan.griewatz@med.uni-tuebingen.de
07071/2973688

Weitere Informationen zum Leibniz-WissenschaftsCampus:
Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen
Meike Romppel M.A. (Koordination)
Leibniz-Institut für Wissensmedien
Schleichstraße 6, 72076 Tübingen
m.romppel@iwm-tuebingen.de
07071/979-213

Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“
Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen ist ein interdisziplinärer Forschungsverbund des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen und der Eberhard Karls Universität Tübingen. Weitere Partner sind das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, die Albert-Ludwigs-Universität und die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung Bonn und die Hochschule der Medien in Stuttgart. Die Grundidee des Leibniz-WissenschaftsCampus ist es, außeruniversitäre und universitäre Forschung zu vernetzen, um ein Maximum an Grundlagenforschung und Anwendungsrelevanz zu generieren.
Die Forschung im Verbund widmet sich Bildungsprozessen in modernen Wissens- und Informationsgesellschaften und betreibt fachübergreifende Bildungsforschung. Die Expertise der 60 beteiligten Wissenschaftler erstreckt sich von Psychologie, Informatik, Erziehungswissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Medienwissenschaft bis hin zu Medizin.
Bildung und Lernen – zwei Begriffe, die hauptsächlich mit realen Orten wie Schule oder Hochschule verbunden sind. Das digitale Zeitalter schafft jedoch neue Lernorte, erweitert die Quellen für Informationen und lässt Nutzer auch zu Produzenten von Wissen werden. Medien, allen voran das Internet verändern den Wissenserwerb und Bildung nachhaltig. Aus der Fülle der Informationen stellen sich Lernende nach ihren Interessen, Bedürfnissen und Fähigkeiten ihre bildungsrelevanten Informationen zusammen und schaffen so ihre persönliche Informationsumwelt. Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen geht der Frage nach, wie Informationsumwelten den Wissenserwerb bereichern, aber auch wie Technologien gestaltet sein müssen, um Barrieren und Verzerrungen beim Lernen entgegenzuwirken.

Das Leibniz-Institut für Wissensmedien
Das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen erforscht das Lehren und Lernen mit digitalen Technologien. Rund 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kognitions-, Verhaltens- und Sozialwissenschaften arbeiten multidisziplinär an Forschungsfragen zum individuellen und kooperativen Wissenserwerb in medialen Umgebungen.

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