OASIS zieht Zwischenbilanz: Pilotprojekt erreicht vor allem Computerspielabhängige

Die Öffentlichkeitsarbeit rund um die Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige, kurz: OASIS hat sich gelohnt. Nachdem das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Pilotprojekt sich im zurückliegenden Jahr auf mehreren Messen, Kongressen und Tagungen präsentiert hatte und in den Medien stark vertreten war, erhielt OASIS in den darauffolgenden Monaten regen Zulauf. Nun ziehen die OASIS-Macher Zwischenbilanz.

„Aufgrund der großen Resonanz konnte OASIS bundesweit in den Hilfesystemen und in der Bevölkerung bekannt gemacht werden“, ist Oberarzt und OASIS-Projektleiter PD Dr. Bert te Wildt, Ärztlicher Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), sehr zufrieden mit dem Zwischenergebnis. Unter http://www.onlinesucht-ambulanz.de können sich Interessierte seit September 2016 einem Selbsttest unterziehen und überprüfen, ob möglicherweise eine Internetabhängigkeit besteht. Bundesweit haben auf diesem Weg bislang rund 10.000 Betroffene und Angehörige den Selbsttest gemacht. „Nach der Halbzeit haben bereits mehr als die Hälfte der gewünschten Anzahl an Teilnehmern OASIS in Anspruch genommen“, so Diplom-Psychologin Laura Bottel, die mit Bert te Wildt und dem Diplom-Psychologen Martin Bielefeld zu den Projekt-Verantwortlichen zählt. Dabei stellte das Team fest, dass es für männliche Online-Sexsüchtige etwas leichter zu sein scheint, sich zuerst in einer Online-Ambulanz Hilfe zu suchen. Weiterhin zeichnet sich ab, dass auf diesem Weg etwas mehr weibliche Betroffene erreicht werden können, die eher unter einer missbräuchlichen Nutzung von sozialen Medien, Gelegenheitsspielen und Video-Streaming leiden als unter einer schweren Sucht mit erheblichen negativen Auswirkungen. „Allerdings sind die Computerspielabhängigen – ähnlich wie in den Klinik-Ambulanzen – am stärksten bei OASIS vertreten“, schildert Laura Bottel. Gerade auch Angehörige von Computerspielsüchtigen suchen Rat und Unterstützung bei OASIS.

Überrascht hat die Macher von OASIS, dass sich deutlich mehr Betroffene direkt anmelden als Angehörige. „Wir haben in unserer Bochumer Medienambulanz die Erfahrung gemacht, dass die Kontaktanbahnung – wie bei anderen Suchterkrankungen – häufig über die Angehörigen erfolgt“, beschreibt te Wildt. „Dies spricht dafür, dass es OASIS in besonderem Maße gelingt, die Betroffenen tatsächlich dort abzuholen, wo sich nicht nur ihre Sucht, sondern eben auch die meiste Lebenszeit abspielt.“

Wünschenswert wäre es, wenn noch mehr Angehörige das Angebot nutzen würden. Denn es ist immer wieder festzustellen, dass insbesondere Eltern und Lebenspartner die Leidtragenden der Erkrankung ihrer Kinder und Partner sind. Viele Patienten konnten bislang über die Online-Ambulanz in Beratungstellen, Spezialambulanzen und Kliniken vermittelt werden. „Wir finden es besonders spannend, wenn sich die Patienten nach den zwei 50-minütigen Online-Sprechstundenterminen per Webcam dann live und in Farbe bei uns vorstellen“, so der Mediensucht-Experte te Wildt. „Dem ersten OASIS-Patienten so gegenüber zu sitzen, war schon ein ganz besonderer Moment.“

Der erste OASIS-Patient war ein junger Student, der nun regelmäßig und mit fortschreitendem Behandlungserfolg die Cybersexsucht-Therapiegruppe besucht. Er schrieb an das OASIS-Team: „Über einen Artikel eines Onlinemagazins bin ich auf das Angebot von Herrn Dr. te Wildt und seine Kollegen gestoßen. Mir war schon länger bewusst, dass mein Internetnutzungsverhalten problematisch ist, hatte bisher jedoch immer Hemmungen, mich mit diesem Problem an einen Fachmann zu wenden. Letztlich hat mich die anfängliche Anonymität und Distanz zum Therapeuten überzeugt, dem Programm eine Chance zu geben. Ich habe tatsächlich in nur wenigen Sitzungen gelernt, einen besseren Zugang zu meinem Problem zu finden.“

Noch ist das Forschungsziel nicht erreicht. In der zweiten Hälfte des Projekts erhofft sich das Projektteam um te Wildt noch viele weitere Kontakte von Betroffenen und Agenhörigen sowie webcam-basierte Therapiesitzungen.

OASIS:
Das OASIS-Programm ist ein vom Bundesministerium für Gesundheit gefördertes Hilfeprojekt und soll deutschlandweit die Versorgung von Internet- und Computerspielsüchtigen verbessern. „Im Rahmen von webcam-basierten Sprechstunden möchten wir die Betroffenen dort abholen, wo die Sucht ihren Anfang genommen hat: im Internet selbst“, beschreibt te Wildt. „Damit gehen wir das Thema Internetabhängigkeit mit einem Werkzeug der Cybertherapie an.“ OASIS ging am 1. September 2016 an den Start.

Die Internetabhängigkeit ist als eine Verhaltenssucht in der Gesellschaft noch nicht vollständig anerkannt. Sie erzeugt einen großen Leidensdruck, hat negative Folgen für Körper und Psyche und ist daher behandlungsbedürftig. Die Betroffenen zeigen ein exzessives Nutzungsverhalten mit krankhafter Impulsivität, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen. Das komplette soziale und berufliche Umfeld bricht weg, und im schlimmsten Fall tragen sie sich mit Suizidgedanken.

Leidtragende sind auch die Angehörigen. Daher steht OASIS ebenfalls für erwachsene Angehörige von Betroffenen ab 14 Jahren zur Verfügung. Die Patienten werden deutschlandweit in Fachambulanzen und Beratungsstellen vermittelt. OASIS sieht zwei Online-Sprechstundentermine jeweils für Diagnostik und Beratung vor. Ziel ist es, nicht nur therapeutische Möglichkeiten vor Ort zu vermitteln, sondern auch Behandlungsbereitschaft zu erzeugen – in Form eines Beziehungsangebots.

Mit Unterstützung der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler, die die Medienambulanz in Bochum besucht hatte und sich seitdem für die Anerkennung der Internetsucht stark macht, sowie in Zusammenarbeit mit dem ZTG – Zentrum für Telematik und Telemedizin und dem Fachverband Medienabhängigkeit konnte das deutschlandweit einzigartige OASIS-Angebot auf den Weg gebracht und entwickelt werden.

Kontakt:
PD Dr. Bert te Wildt
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234/5077-3333
E-Mail: bert.tewildt@rub.de

Bildzeile:
Am „Landesgemeinschaftsstand NRW – Gesundheitswirtschaft. Telematik. Telemedizin.“ auf der Medica 2016 in Düsseldorf (v.l.): Diplom-Psychologe Martin Bielefeld und Diplom-Psychologin Laura Bottel von OASIS sowie PD Dr. Bert te Wildt, Leiter der Medienambulanz im LWL-Universitätsklinikum Bochum. (Bildquelle: ZTG/Lippsmeier)

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