„Nun müssen Taten folgen“: Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten zu den Ergebnissen des G7 Gipfels

Ebola, antibiotikaresistente Keime, vernachlässigte Tropenkrankheiten und die Folgen des globalen Klimawandels – Gesundheit war ein zentraler Punkt des G7 Gipfels. Warum ausgerechnet diese Themen?

Prof. Ganten: Die Auswahl zeigt, dass sich die Verantwortlichen intensiv mit dem Thema beschäftigt haben und exzellent beraten wurden, denn es sind wichtige Probleme, die wir schnellstmöglich gemeinsam lösen müssen.

Die Ebola-Krise zum Beispiel hat deutlich gezeigt, dass solche Krankheiten nicht nur menschliche Tragödien sind, sondern ganze Regionen und Staaten destabilisieren und in ihrer Existenz bedrohen können. Dies darf nicht erneut geschehen. Wir müssen gemeinsam aus dieser Krise lernen – auch politisch.

Antibiotikaresistenzen sind eine große Gefahr, die von vielen noch immer unterschätzt wird. Der massenhafte Einsatz von Antibiotika durch Ärzte, aber auch durch Landwirte um ihr Mastvieh zu behandeln, führt dazu, dass bestimmte Keime nicht mehr auf Antibiotika reagieren. In diesen Fällen werden wir in eine Zeit vor Penizillin zurück versetzt. Wenn hier nichts geschieht, werden die Folgen dramatisch sein.

Es ist bei den vielen Krisen und gigantischen Aufgaben, die die Regierungschefs der G7 Länder lösen müssen, bemerkenswert, dass Gesundheit eine so zentrale Rolle bei den Beratungen gespielt hat. Mich persönlich freut das ganz besonders, weil wir auf dem World Health Summit immer wieder auf die Brisanz genau dieser Themen hinweisen. Die politische Aufmerksamkeit gibt uns nun Recht. Der World Health Summit gibt über die Nationalakademien aller Länder Empfehlungen an die jeweiligen Regierungen ab, ganz im Sinne der Beratung und des politischen Agendasettings.

Was muss konkret geschehen, um zum Beispiel Antibiotika-resistente Keime langfristig zu bekämpfen und auf Epidemien wie Ebola besser zu reagieren?

Prof. Ganten: Eine G7 Abschlusserklärung verbessert die Situation vor Ort natürlich noch nicht. Jetzt muss gehandelt werden! Und zwar gemeinsam: die Politik muss einen Aktionsrahmen definieren und unterstützen; Wissenschaft und Wirtschaft müssen gemeinsam neue Medikamente und Behandlungen entwickeln, auch wenn der wirtschaftliche Profit vielleicht nicht optimal ist; und wir alle sind in der Verantwortung, wie zum Beispiel Antibiotika im privaten Umfeld eingesetzt werden oder wie der Klimawandel auch im Kleinen positiv beeinflusst werden kann. Gemeinsam können wir viel erreichen, aber wir müssen uns beeilen, denn die Zeit drängt.

Zum Thema Antibiotikaresistenzen soll es vor allem nationale Aktionspläne geben. Wie wichtig ist dabei eine internationale Abstimmung und welche Rolle spielt die Weltgesundheitsorganisation WHO?

Prof. Ganten: Antibiotikaresistenzen treten in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich auf. In Deutschland sind sie schon weiter verbreitet, als in Holland oder Schweden. In Indien und Südamerika ist die Situation allerdings teils schon dramatisch. Um also in jedem Land optimal gegen diese Resistenzen vorzugehen, sind nationale Pläne wichtig.

Trotzdem ist eine internationale Behörde gefragt, die die nationalen Aktionspläne bündelt und reguliert, um einen internationalen Standard zu etablieren. Das ist die Aufgabe der WHO. Hier liegt eine ihrer vielen Stärken.

Der G7 Gipfel hat sich beim Klima auf ein Ergebnis geeinigt, das als Grundlage für den UN-Gipfel im Dezember in Paris dient. Und im Oktober ist der Klimawandel und sein Einfluss auf die Gesundheit ein zentrales Thema auf dem World Health Summit. Wie wird der UN-Klimagipfel dort vorbereitet?

Prof. Ganten: Der World Health Summit holt unter der Führung der internationalen Wissenschaft die Politik, die Zivilgesellschaft und die Industrie an einen Tisch, um gemeinsam an Lösungsstrategien zu arbeiten. Auch zum Thema Klimawandel haben wir internationale Top-Leute da, die in den drei Tagen der Konferenz klare Empfehlungen erarbeiten. Die Abschlusserklärung des G7 Gipfels ist zwar ein sehr wichtiges Signal, doch sie hat keine bindende Kraft. Ich hoffe, dass der UN-Klimagipfel in Paris konkrete und bindende Vereinbarungen bringen wird. Die Empfehlungen des World Health Summit im Oktober werden dazu beitragen. Zumal einer unserer Schirmherren, der französische Präsident François Hollande, uns schon im vergangenen Jahr offiziell bescheinigt hat, wie wichtig der World Health Summit als Vorbereitung für den Klimagipfel in Paris ist. Dazu kommt, dass alle drei Schirmherren des World Health Summit, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, und Hollande zentrale Autoritäten des UN-Gipfels sind.

Der Klimawandel hat viele Folgen, aber der Einfluss auf die persönliche Gesundheit wird oft unterschätzt: der ansteigende Meeresspiegel, Überflutungen, extremes Wetter, Luftverschmutzung, Zugang zu sauberem Wasser, Infektionen, etc. Deshalb hat der World Health Summit schon sehr früh auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Ich bin sehr froh, dass jetzt auch die höchsten politischen Stellen an einer Lösung arbeiten.

Der siebte World Health Summit findet vom 11.-13. Oktober 2015 mit mehr als 1.200 Teilnehmern aus über 80 Ländern im Auswärtigen Amt in Berlin statt.

Sprecher in diesem Jahr sind unter anderem die Nobelpreisträger Ada Yonath (2009, Israel) und Thomas C. Südhof (2013, Deutschland), Dame Sally Davies (Chief Medical Officer, England), Mark Dybul (Executive Director, Global Fund), Debra Jones (Director and UN Representative „Save the Children“, USA), Andy Haines (former Director, London School of Hygiene & Tropical Medicine), Hans Joachim Schellnhuber (Direktor, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) und Rainer Sauerborn (Leiter, Institut für Public Health, Universitätsklinikum Heidelberg)

Weitere Informationen zu Themen und Sprechern: www.worldhealthsummit.org

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