Nuklearunfälle: Psychische und soziale Folgen verstärkt einbeziehen

Fachleute aus Behörden und Wissenschaft empfehlen, psychische und soziale Folgen von Nuklearunfällen in der Katastrophenschutzplanung stärker zu berücksichtigen: Das ist das Ergebnis eines interdisziplinären Workshops, den das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und das Centre for Security and Society der Universität Freiburg organisiert haben.

Nach dem Reaktorunfall von Fukushima wurden in Deutschland – ausgehend von Untersuchungen des BfS – die Notfallmaßnahmen, die bei einem Unfall vor radioaktiver Strahlung schützen sollen, aktualisiert. Dabei wurden etwa die zu betrachtenden sogenannten Planungszonen, in denen Maßnahmen notwendig werden könnten, deutlich vergrößert. „Parallel ist es uns ein Anliegen, die möglichen psychischen Belastungen von Betroffenen und Einsatzkräften verstärkt in den Blick zu nehmen“, erläutert BfS-Sprecherin Anja Lutz die Initiative für den Workshop.

Notfallmaßnahmen wie Evakuierung, Umsiedlung oder Dekontamination von Gebieten sind gravierende Eingriffe in das Leben der Betroffenen: Der Aufenthalt in Notunterkünften, der Verlust des sozialen und familiären Umfeldes, Ausgrenzung am neuen Wohnort oder Unsicherheit über das tatsächliche gesundheitliche Risiko durch die radioaktive Strahlung sind schwerwiegende Belastungen. Sie erschweren die Rückkehr zu einem geregelten Alltag und können psychisch krank machen.

Als einen wesentlichen Ansatzpunkt zur Begrenzung psychosozialer Auswirkungen ermittelte der Workshop die Ausbildungskonzepte für Einsatzpersonal, Krisenstäbe, aber auch für professionelle Informationsvermittler wie Pressestellen der beteiligten Einrichtungen. Sowohl das Wissen über Radioaktivität und radiologischen Notfallschutz als auch über psychosoziale Faktoren in Notfallsituationen sollte einen höheren Stellenwert erhalten. Ebenso wurden spezielle Schulungsangebote für die bereits vorhandenen, häufig ehrenamtlich tätigen Erstbetreuer als sinnvoll erachtet.

Die Bevölkerung stärker in die Vorbereitung und Bewältigung nuklearer Katastrophen einzubinden, darin sahen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zusätzlich Potenzial. „Zum einen könnte so die Fähigkeit zu Selbsthilfe und Selbstschutz gestärkt werden. Zum anderen zeigen Erfahrungen aus anderen Katastrophen, dass in der Bevölkerung in Notsituationen große Hilfsbereitschaft vorhanden ist. Beispiele sind Flutkatastrophen und ganz aktuell die Bewältigung des Flüchtlingszuzugs. Dabei engagieren sich viele Menschen spontan, ohne ein klassisches Ehrenamt auszuüben. Wie und für welche Aufgaben auch im nuklearen Notfallschutz freiwillige Helfer eingesetzt werden könnten, sollte genauer untersucht werden“, so Lutz.

Interdisziplinärer Workshop

Im Rahmen des Workshops „Bewältigung von psychosozialen Problemen und Kommunikationskonzepte im nuklearen Notfallschutz“ kamen am 24. und 25. Oktober in Freiburg Experten aus Landes- und Bundesbehörden, dem kommunalen Katastrophenschutz, Wissenschaft und Energiewirtschaft zusammen. Ziel war, Erfahrungen und Erkenntnisse aus Katastrophenschutz, Strahlenschutz und Sozialwissenschaften zusammenzuführen und für die Weiterentwicklung des nuklearen Notfallschutzes nutzbar zu machen. „Diesen interdisziplinären Dialog wollen wir fortsetzen“, betont Lutz.

Die Ergebnisse des Workshops gehen unter anderem an die Strahlenschutzkommission, ein Beratungsgremium der Bundesregierung, um weitere Beratungen und Entwicklungen zum nuklearen Notfallschutz zu unterstützen.

Hintergrund

Am 11. März 2011 führte ein Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami zum Reaktorunglück von Fukushima. Wesentliche Sicherheitseinrichtungen versagten, über Wochen gelangten radioaktive Stoffe in die Umwelt. Die ernüchternde Bilanz ist, dass es den Behörden zwar gelang, die Bevölkerung weitgehend vor Strahlung zu schützen, nicht aber vor den gravierenden Auswirkungen indirekter Art: jahrelanger Aufenthalt in Notunterkünften, Verunsicherung, Ausgrenzung, Verlust des sozialen und familiären Umfeldes. Dies fand in einem demokratischen, industrialisierten Land statt, sodass die gesellschaftlichen Auswirkungen mit einem hypothetischen Ereignis in Deutschland vergleichbar sind.

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