NSCLC: Aussagekraft des Tumorvolumens vor und während der Strahlentherapie

Weltweit ist Lungenkrebs die häufigste, krebsbedingte Todesursache. Im Jahr 2013 sind in Deutschland 15.140 Frauen und 29.708 Männer an Lungenkrebs gestorben [1]. Am häufigsten ist das sogenannte nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom (NSCLC). Beim NSCLC wird nicht nur in frühen, sondern auch in weiter fortgeschrittenen Stadien (in vielen Fällen auch noch im Stadium III) eine auf Heilung ausgerichtete Therapie verfolgt. Allerdings sind Patienten im Tumorstadium III sehr unterschiedlich im Hinblick auf Lymphknotenbeteiligung, Tumorgröße (Gesamt-Tumorvolumen/GTV) sowie Ausbreitung in benachbarte Organe und Gewebe (z.B. Herz, Speiseröhre, Wirbelsäule), weshalb jeder Fall in einer interdisziplinären Tumorkonferenz besprochen und die Therapiestrategie individuell festgelegt wird. Grundlegender Therapiestandard stellt aber immer ein interdisziplinäres Behandlungskonzept mit adaptiver Strahlentherapie dar. Dabei wird im Behandlungsverlauf das Ansprechen des Tumors auf die Bestrahlung bzw. die Abnahme des Tumorvolumens gemessen, um die weitere Bestrahlung auf die neuen Gegebenheiten anpassen zu können. So ist gesichert, dass das Tumorgewebe immer mit maximaler Dosis bestrahlt, aber das umliegende gesunde Gewebe bestmöglich geschont wird.

Ein systematisches Review der AG Junge DEGRO [2] untersuchte nun den prädiktiven Wert von GTV-Veränderungen unter Strahlentherapie im Hinblick auf den Endpunkt „Gesamtüberleben“. In einer Literaturrecherche (Datenbanken Medline/Pubmed) wurden insgesamt 40 Studien ausgewertet und in die abschließende Evaluierung aufgenommen:

– 17 der Studien hatten die prognostische Bedeutung des initialen GTV (vor Bestrahlungsbeginn) untersucht und ergaben heterogene Ergebnisse: Zwar war in einigen Studien das initiale GTV ein bedeutender prognostischer Faktor für das Überleben, aber auch das Ausmaß des Lymphknotenbefalls und die Histologie des Tumors spielten eine – wie der Vorsitzende der Jungen DEGRO, Dr. Christian Ostheimer, Halle/Saale, auf dem Deutschen Krebskongress betonte – möglicherweise unterschätzte Rolle.

– 14 der Studien hatten die GTV-Veränderungen unter Bestrahlung analysiert. Wie sich zeigte, fanden die Veränderungen in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Geschwindigkeit statt. Die GTV-Veränderungen bzw. die Abnahme der Tumormasse zeigte sich dabei in den Studien sehr variabel, sie rangierte zwischen 18 bis 70%. Diese Reduktionen waren dabei teilweise abhängig von der bisher verabreichten Strahlendosis (30, 40, 50 oder 60 Gy) bzw. vom Zeitpunkt der Kontrolluntersuchung (Re-Evaluation).

– 9 der Studien hatten die prognostische Bedeutung von GTV-Veränderungen unter Bestrahlung untersucht. Diese schien abhängig vom initialen GTV, allerdings war die prognostische Bedeutung der „Tumorreduktionsrate“ in den Studien nicht einheitlich. Auch muss einschränkend gesagt werden, dass die Methodik der Volumenmessung in den Studien unterschiedlich war.

„Unser Review zeigt, dass verschiedene Faktoren auf die Prognose des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms Einfluss nehmen. Das initiale Tumorvolumen (GTV) und insbesondere dessen Veränderungen unter Strahlentherapie könnten hier zusätzliche prognostische bzw. prädiktive Informationen liefern, die über die „klassischen“ Prognosefaktoren wie Histologie und T-Stadium hinausgehen“, erklärt Dr. Ostheimer. Er und seine Co-Autoren fordern nun weitere Studien, um die klinische Bedeutung einer GTV-Abnahme unter der Strahlentherapie genauer zu evaluieren. „Die derzeitigen Studien sind sehr heterogen und schwer zu vergleichen, umso wichtiger ist es, für künftige Studien einheitliche Standards zu definieren, z.B. in Hinblick auf den Kontrollzeitpunkt des GTV und der Re-Evaluation oder auf das Volumen-Messverfahren, das zur Anwendung kommt“.

In diesem Kontext startete die AG junge DEGRO ihre eigene und erste Studie, welche die prognostische Aussagekraft des Tumorvolumens vor und während der Strahlentherapie des lokal-fortgeschrittenen NSCLC untersucht. An der multizentrischen Studie beteiligen sich mittlerweile 20 Studienzentren aus Deutschland, Spanien, Belgien und der Schweiz. „Wir konnten Daten von über 360 Patienten akquirieren und befinden uns derzeit in der Auswertungsphase, sodass wir die Ergebnisse der Studie auf der diesjährigen Jahrestagung präsentieren können“, berichtet Dr. Ostheimer. „Die durch unsere AG aufgebaute Datenbank bietet darüber hinaus das Potenzial für weiterführende Projekte in der Jungen DEGRO, welche dann auch Bild- und Bestrahlungsplandaten einbeziehen können“, fügt der Studienleiter hinzu.

Professor Dr. Stephanie E. Combs, Pressebeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), München, kommentiert: „Das vorliegende Review sowie die aktuelle Studie sind ein Beispiel für die hohe Forschungsaktivität und den Qualitätsanspruch der Jungen DEGRO. Durch den Zusammenschluss der jungen Wissenschaftler aus den Bereichen Radioonkologie, Strahlenbiologie und -physik in der AG Junge DEGRO kann der wissenschaftliche Nachwuchs stimuliert und für eine wissenschaftliche Karriere vorbereitet werden. Dies ist für das Fachgebiet sehr wichtig, wie eine aktuelle Umfrage der AG junge DEGRO zeigt [3]. Mit dem Review wird gleichermaßen eine innovative wie praxisrelevante Forschungsfrage aufgeworfen, welche die Junge DEGRO nun in ihrer Studie weiter untersucht. Die prognostische Aussagekraft des Tumorvolumens könnte zukünftig die individuelle Therapieplanung weiter verbessern.“ Diese Fragestellung untersucht die AG Junge DEGRO“ derzeit in ihrer aktuell laufenden multizentrischen Studie (NCT03055715). Das NSCLC ist im Stadium III sehr heterogen und die individuelle Prognose eines Patienten kann häufig nur schwer eingeschätzt werden. „Wenn wir den prognostischen Wert des Tumorvolumens vor und während der Strahlentherapie kennen, ließe sich leichter einschätzen, bei welchen Patienten eine auf Heilung ausgerichtete Therapiestrategie erfolgversprechend ist und bei welchen nicht. Somit könnten wir die Therapie weiter individualisieren, wovon viele Patienten profitierten würden.“

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Die Junge DEGRO ist eine Arbeitsgruppe innerhalb der DEGRO, die sich aus jungen Kolleginnen und Kollegen der Bereiche Radioonkologie, Strahlenbiologie und Strahlenphysik zusammensetzt. Die AG bietet dem radioonkologischen Nachwuchs in Deutschland eine Entwicklungsplattform und engagiert sich aktiv in Forschung, Weiterbildung und der jährlichen DEGRO Jahrestagung.

REFERENZEN
[1] Krebsdaten des Robert Koch Instituts. „Krebs in Deutschland für 2013/2014“.
[2] Käsmann L, Niyazi M, Blanck O, Baues C, Baumann R, Dobiasch S, Eze 2, Fleischmann D, Gauer T, Giordano FA, Goy Y, Hausmann J, Henkenberens C, Kaul D, Klook L, Krug D, Mäurer M, Panje CM, Rosenbrock J, Sautter L, Schmitt D, Süß C, Thieme AH, Trommer-Nestler M, Ziegler S, Ebert N, Medenwald D, Ostheimer C; Young DEGRO Trial Group. Predictive and prognostic value of tumor volume and its changes during radical radiotherapy of stage III non-small cell lung cancer : A systematic review. Strahlenther Onkol 2018; 194(2): 79-90
[3] Dietzel CT, Jablonska K, Niyazi M, Gauer T, Ebert N, Ostheimer C, Krug D. Quality of training in radiation oncology in Germany: where do we stand? : Results from a 2016/2017 survey performed by the working group „young DEGRO“ of the German society of radiation oncology (DEGRO). Strahlenther Onkol. 2018 Jan 18. doi: 10.1007/s00066-017-1250-6.

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