Noch ein weiter Weg bis zu Kunstfleisch-Buletten für alle

Siebzig Prozent der globalen landwirtschaftlichen Fläche dienen der Erzeugung von Tierfutter. Tierische Produkte tragen jedoch nur ungefähr 30 % des Eiweißes und 15 % der Kohlenhydrate bei der durchschnittlichen menschlichen Ernährung bei. Die steigende Nachfrage einer wachsenden Weltbevölkerung nach Lebensmitteln, insbesondere Fleisch, würde die Kapazitäten unseres Planeten weit überschreiten, wenn nicht neue umweltverträglichere Systeme etabliert werden. Insekten setzen ihre Nahrungsquellen effizienter um als Schweine und Rinder, benötigen dadurch weniger Fläche und es gibt in ihrer Produktion weniger Abfall. In-vitro-Fleisch wächst ohne direkte Flächennutzung in einem Nährmedium aus Stammzellen für Muskel- und Fettgewebe. So erzeugtes Fleisch kann schon heute in Geschmack und Aussehen mit Hackfleisch mithalten. Die Produktion von Pflanzen auf gestapelten Feldern in Hochhäusern (Skyfarms) hätte auch Platzvorteile.

Diese neuen Verfahren können sehr attraktive Optionen für die Zukunft bieten, die produzierten Mengen sind aber noch sehr klein. Um die Systeme alltagstauglich und zu großer Dimension entwickeln zu können, besteht noch großer Forschungsbedarf über den gesamten Produktpfad (u.a. Produktion, Abfallverwertung, Umweltwirkung, Lebensmittelsicherheit, Rechtsfragen und Märkte). Bis dahin – so zeigen aktuelle Studien – können nur veränderte Konsumgewohnheiten nennenswerte Effekte für die Umwelt (Treibhausgase, Tierwohl, Landnutzung und Ressourcen wie Stickstoff und Phosphor) herbeiführen.

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Bei der Frage, welche Bedeutung neue Produktionsverfahren für die globale Ernährungssicherung haben, spitzte sich die Diskussion zu. Dazu müssten neue Lebensmittel im großen Maßstab und möglichst auch noch flächeneffizienter als bestehende Produktionssysteme sein. Bislang beansprucht Tofu-„Fleisch“ die geringste Fläche bei den Fleisch- und Fleischersatzprodukten, Rind- und Schaffleisch hingegen die meiste Fläche. In-vitro-Fleisch – also Fleisch aus dem Labor – oder die Insektenproduktion müssten für eine bessere Flächeneffizienz Materialien nutzen, die bisher nicht dafür verwendet werden. Grünlandaufwuchs oder Reststoffe könnten im Prinzip genutzt werden; die Verfahren wären aber absehbar sehr aufwendig. So lässt sich resümieren, dass die diskutierten neuen Lebensmittel eine Ergänzung zu den vorhandenen sind, aber nicht die Flächenproduktion von Getreide ersetzen. Änderung von Ernährungsgewohnheiten (Verringerung übermäßigen Verbrauchs) und Ansätze, Lebensmittelverluste und -abfälle zu vermeiden, sind derzeit zielführender.

Die DAFA ist eine Gemeinschaftsinitiative der deutschen Agrar- und Ernährungsforschung. Ihr gehören 63 deutsche Universitäten, Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie Bundes- und Landesforschungsinstitute an. Das Netzwerk verfolgt das Ziel, die Leistungsfähigkeit sowie die nationale und internationale Sichtbarkeit der deutschen Agrar- und Ernährungsforschung zu verbessern und für die Praxis wirksam zu machen.

Beteiligte Experten:
Klimawirkung / sozioökonomische Implikationen, Allgemeine Diskussion
Dr. Peter Alexander, University of Edinburgh
Prof. Dr. Urs Niggli, FiBL Deutschland
Prof. Dr. Reiner Brunsch, Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie
Prof. Dr. Hannelore Daniel, Technische Universität München

In-vitro-Fleisch und Fleischersatz
Prof. Dr. Mark Post, Maastricht University / Chief Scientific Officer Mosa Meat
Prof. Dr. Henry Jäger, BOKU Wien
Prof. Dr. Hannelore Daniel, Technische Universität München

Insekten als Lebensmittel und Futter
Dr. Oliver Schlüter, Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie
Dr. Christoph Sandrock, FiBL, Frick

Vertical farming und Algenproduktion
Prof. Dr. Folkard Asch, Universität Hohenheim
Dr. Ursula Schließmann, Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik
Prof. Dr. Uwe Schmidt, Humboldt-Universität zu Berlin

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