Neue Therapien gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Meist sind die Patienten noch jung und durch die Krankheit schwer beeinträchtigt. Lange Krankenzeiten, Arbeitslosigkeit, frühe Rente und ein stark erhöhtes Darmkrebsrisiko begleiten die Menschen. In Wellen durchleiden die Patienten starke Bauchschmerzen und blutige Durchfälle, die ihr eigenes – fehlgeleitetes – Immunsystem auslöst. Ursächlich heilbar sind die Darmentzündungen bislang nicht – unabhängig davon ob es sich um einen schweren oder nur leichten Verlauf handelt.

Matthias Lochner erforscht die Auslöser dieser Krankheit, indem er die Steuerungsmechanismen des Darms analysiert. In einem gesunden Körper führt der Darm ein strenges Regime: Da er von Milliarden nützlicher Bakterien besiedelt ist, herrscht dort ein empfindliches Gleichgewicht aus Toleranz für hilfreiche und Abwehr für gefährliche Bakterien, das bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aus der Balance gerät. „Wir konzentrieren uns bei unseren Untersuchungen auf eine bestimmte Sorte Immunzellen, die T-Helferzellen“, sagt Matthias Lochner. „Die pro-entzündlichen Th17-Helferzellen und die dämpfenden regulatorischen T-Helferzellen, kurz Tregs, sollten sich gegenseitig begrenzen und den Darm so gesund halten.“ Aus bislang unbekannten Gründen kippt dieses Gleichgewicht bei Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa: in entzündetem Darmgewebe finden die hannoverschen Wissenschaftler eine Flut von Th17-Zellen, jedoch kaum Tregs.

Gesucht: Wirkstoffe, die dieses Missverhältnis wieder gerade rücken. „Wir setzen derzeit auf kleine synthetische Moleküle“, sagt Matthias Lochner. „Ein Verwandter der Retinsäure, die unser Körper aus Vitamin A erzeugt, ist ein solches Molekül: AM80.“ Und erste Experimente mit der Substanz verschieben die T-Zell-Verhältnisse im entzündeten Darm und führen zu Entspannung. Allerdings haben die TWINCORE-Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen einen zellulären Pferdefuß entdeckt: Sie haben T-Zellen gefunden, die sowohl Merkmale der entzündungsfördernden Th17-Zellen tragen als auch der entzündungshemmenden Tregs. „Wir sehen diese Zwitter-Zellen vor allem im entzündeten Darmgewebe“, sagt Matthias Lochner. „Ohne das Verhalten dieser Zellen genauer zu kennen, können wir unsere Therapieansätze nicht weiter verfolgen. Die Folgen bei Therapieversuchen wären nicht abzusehen.“ Und um genau diese Zwitter-Zellen näher erforschen zu können, erhält der Wissenschaftler zwei Jahre lang die Unterstützung der Novartis-Stiftung. Damit der Weg zu neuen Therapien gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen weiter verfolgt werden kann.

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