Neue Studie zu Vitamin D-Versorgung in Norddeutschland

Das Wetter in Deutschland, die heutigen Arbeitsgewohnheiten, bei denen man sich überwiegend in Innenräumen aufhält, und die Schutzmaßnahmen gegen UV-Licht im Rahmen der Malignomprophylaxe machen es zunehmend schwer, die 30 Minuten Sonnenlichtexposition der Haut zu erreichen, die der menschliche Körper pro Tag braucht, um ausreichend Vitamin D (VitD) zu produzieren. Eine kürzlich veröffentlichte, umfassende Studie[1] des Laborverbunds LADR, die mit der Universität Lübeck erarbeitet wurde, zeigt nun das Ausmaß der Problematik in Norddeutschland, wo die UVB-Strahlung besonders gering ist: Die Analyse von 100.000 Blutproben aus fünf Bundesländern stellte bei circa 80 Prozent der Bevölkerung unabhängig von Alter und Geschlecht eine nicht-optimale Versorgung mit Vitamin D fest. In den Monaten Januar bis April litten sogar mehr als 30 Prozent der untersuchten Personen an einem schweren Mangel. Neben den Senioren waren insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene betroffen, in dieser Gruppe konnte bei circa 25 Prozent eine schwere Defizienz detektiert werden. Die Studie fordert daher, zumindest bei Risikopatienten einmal pro Jahr in den Monaten Januar bis April den 25-VitD-Spiegel zu bestimmen, um bei Versorgungsmängeln rechtzeitig präventiv eingreifen zu können.

„Ein Mangel an Vitamin D im Körper kann gravierende gesundheitliche Auswirkungen haben, da das Hormon Vitamin D drei Prozent des humanen Genoms reguliert“, erläutert einer der Autoren der Studie, Dr. med. Jan Kramer, ärztlicher Leiter der LADR GmbH MVZ Dr. Kramer & Kollegen in Geesthacht und Privatdozent an der Universität zu Lübeck. „So ist beispielsweise belegt, dass beim Menschen die Sturz- und Frakturhäufigkeit durch eine adäquate VitD-Substitution gesenkt wird und auch Osteoporose vorgebeugt werden kann.“ Bei Säuglingen wird mit Vitamin D seit Jahren eine erfolgreiche Rachitis-Prophylaxe durchgeführt, mehrere Studien verweisen zudem auf einen Zusammenhang zwischen einem VitD-Mangel im Erwachsenenalter und dem Auftreten verschiedener Krankheiten wie zum Beispiel Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen.

In bisherigen Studien konnte bereits nachgewiesen werden, dass ein großer Anteil der Bevölkerung sowohl deutschland- als auch europaweit den als optimal definierten 25-VitD-Spiegel von >75 nmol/l im Blut nicht erreicht. „Für Norddeutschland gab es noch keine ausreichenden Daten“, so Kramer. „Besonders interessant für uns war dabei einerseits, den in kleinen Untersuchungen festgestellten VitD-Mangel in einer großen Kohorte zu bestätigen und andererseits dessen Ausmaß in einer Region zu bestimmen, wo die UVB-Strahlung besonders gering ist.“

Circa 100.000 Blutproben ausgewertet

Für die Studie, die von der Ethikkommission der Universität zu Lübeck genehmigt wurde, erfolgte eine retrospektive Auswertung der Ergebnisse von 99.284 25-VitD-Bestimmungen aus den Jahren 2008 bis 2011. Diese Bestimmungen waren im DIN EN ISO 15189-zertifizierten Labor der LADR GmbH in Geesthacht bei Hamburg durchgeführt worden. „Die Blutproben wurden zuvor aus dem ambulanten und stationären Sektor der norddeutschen Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein eingeschickt. Im Labor wurde dann mit einem Chemilumineszenz-Immunoassay die quantitative Bestimmung von 25-VitD in Serum durchgeführt“, erläutert Kramer. Für die Studie wurden diese Ergebnisse aufbereitet und im Hinblick auf unterschiedliche Altersgruppen unterteilt nach Dekaden und Monaten analysiert.

„Die Untersuchung zeigte, dass der Mittelwert der 25-VitD-Spiegel in allen untersuchten Altersgruppen unterhalb des optimalen Werts von 75 nmol/l lag“, so Kramer. Diese Unterversorgung mit Vitamin D konnte bei insgesamt mehr als 80 Prozent der Proben festgestellt werden. In 50 bis 60 Prozent der Fälle konnte ein Wert von <50 nmol/l und damit ein VitD-Mangel nachgewiesen werden. „Besonders betroffen waren hier Erwachsene mit ansteigendem Lebensalter sowie vor allem männliche Jugendliche. Bei einem so schweren Mangel bereits in frühen Jahren steigt das Osteoporose-Risiko“, erklärt der Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Innere Medizin. Laut Studie war das Ausmaß des VitD-Mangels zudem von der Jahreszeit abhängig, in den sonnenarmen Wintermonaten trat die schwere VitD-Defizienz häufiger auf: So fand sich im März bei 35 bis 40 Prozent der Untersuchten ein Wert von <27,5 nmol/l, im April waren es noch 30 Prozent. Allerdings ließ sich auch feststellen, dass bis zu 20 Prozent der Personen selbst im Sommer noch von einer schweren VitD-Hypovitaminose betroffen waren.

Diskussion über Definition von Risikopatienten notwendig

„Verantwortlich für diese inadäquate Versorgung der Bevölkerung selbst im Sommer ist neben der sehr geringen UVB-Strahlung in Norddeutschland unter anderem, dass sich die Menschen zunehmend in Innenräumen aufhalten und Sonnenschutz-Produkte verwenden, die auch die Bildung von Vitamin D hemmen“, erklärt Kramer. Die UV-Protektion ist jedoch notwendig, da beispielsweise beim nordischen Hauttyp der Eigenschutzfaktor lediglich bei 10 bis 20 Minuten liegt. Da ein Ausgleich des Mangels auch durch die Aufnahme von Vitamin D mit der Nahrung nicht kompensiert werden kann, empfiehlt die Studie eine medikamentöse Supplementation, die dem Patienten-individuellen 25-VitD-Spiegel angepasst ist. „Die Osteoporose-Leitlinie der DVO sieht aber nur in besonderen Fällen, wie beispielsweise Niereninsuffizienz, eine Bestimmung vor“, so Kramer. „Nun konnten wir in unserer Studie aber besonders häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen schweren VitD-Mangel nachweisen – eine Gruppe, die dort nicht berücksichtigt ist. Angesichts dieser Ergebnisse erscheint es uns notwendig, dass eine öffentliche Debatte über die Definition von Risikopatienten und die gerechtfertigte Bestimmung des VitD-Spiegels geführt wird.“ Die Studie empfiehlt, nach einer Anpassung der Definition zumindest bei Risikopatienten den VitD-Spiegel einmal pro Jahr in den Monaten Januar und April zu überprüfen.

Quelle:

[1] J. Kramer, A. Diehl und H. Lehnert: Epidemiologische Untersuchung zur Häufigkeit eines Vitamin-D-Mangels in Norddeutschland.
      DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (10).

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