Neue Sorten brauchen Stadt und Land – Zehn Tipps für den Obstanbau in der Stadt

Im städtischen Raum, wie in Berlin, wachsen Obstgehölze unter extremen Bedingungen: Hitze, Wind und Trockenheit als Stressfaktoren für Obstbäume können auf Terrassen und Balkonen stärker wirken als im ländlichen Garten. Die Forschungen am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung ZALF im Projekt „Obstgenetische Ressourcen“ fokussieren sich auf die Möglichkeiten, die Variabilität im Erbgut alter Obstsorten in Punkto Widerstandsfähigkeit und Klimaresistenz für die Zukunft zu erhalten und nutzbar zu machen. Davon können auch Stadtgärtner und Projekte des Urban Gardening profitieren. Obstexperte Dr. Hilmar Schwärzel, wissenschaftlicher Leiter des Landes-Sortengartens, widmet sich dem Thema ausführlich in seinem Vortrag „Neue Sorten braucht das Land – Anpassungen im Obstbau an den Klimawandel“ innerhalb der Langen Nacht der Wissenschaften.

Aktuelle Forschungen des Projekts untersuchen den Einfluss von Standortfaktoren wie dem Klima, der Produktionssysteme und der Bewirtschaftung auf die Produktivität und Vitalität der Obstsorten. Ein Thema ist dabei die sinkende Vitalität nachgepflanzter Obstbäume durch Bodenmüdigkeit. Neben ökonomischen rücken hier sozioökonomische Betrachtungen in den Fokus. Für traditionelle Obstanbaugebiete kann es entscheidend sein, dass die Forschung die Ursachen für diesen Krankheitskomplex klärt. Ziel weiterer Untersuchungen ist es, nicht-chemische Vermeidungsstrategien zu erarbeiten, um den Boden zu seiner ursprünglichen Funktion als Produktionsstandort, Wasser- und Nährstoffspeicher, biologisch aktives Puffermedium und Zentrum biologischer Stoffumwandlungsprozesse zurückzuführen.
Für den Erzeuger entscheidende Eigenschaften der Früchte wie Aromenspektren, Aussehen, Langlebigkeit und Lagerfähigkeit, können mit genetischen Mustern in Datenbanken zusammengeführt und dann wieder von Erzeugern genutzt werden.

Die Sortensammlung am Standort Müncheberg wird im Rahmen des Landes-Sortengartens des Landes Brandenburg seit mehreren Jahrzehnten konserviert und einer multivalenten Nutzung zugeführt. Der heutige Bestand der Obstart Apfel umfasst ca. 1.500 Muster. Er kann nach unterschiedlichen Aspekten gegliedert werden und soll im weiteren Verlauf des Projektes in Kombination mit genetischen Untersuchungen ermöglichen, die Einflüsse verschiedenster Faktoren aufzuzeigen. Dazu gehören die regionale Herkunft der Sorten, die Herkunft des Vermehrungsmaterials, aber auch die Anfälligkeit gegenüber den Erregern des Apfelschorfes, des Mehltaus und weiterer Erkrankungen.
Für die gezielte Untersuchung dieser Probleme einschließlich einer anwendungsbezogenen Risikobewertung bietet die obstbauliche Forschungsstation in Müncheberg aufgrund der großen Bandbreite an Standorteigenschaften in Kombination mit einem spezifischen Klima sehr gute Voraussetzungen.

Zehn Tipps für den Obstanbau in der Stadt:
1. Tafeltrauben, Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen und Kiwifrüchte gedeihen unter den klimatischen Bedingungen der Stadt sehr gut.
2. Reben und Kiwifrüchte wachsen im Gartenboden besser als im Pflanzgefäß und benötigen eine Rankhilfe wie z. B. Pergola oder Wandspalier.
3. Für Pflanzen auf Terrasse und Balkon ist es wichtig, die Wasser- und Nähstoffversorgung sicherzustellen und durch eine zeitweise Schattierung ein Verbrennen der empfindlichen Blätter zu vermeiden.
4. Über die Wintermonate sollten Kübelpflanzen wegen der Frostgefahr im Wurzelbereich an einen geschützten Bereich gebracht oder die Kübel im Boden versenkt werden.
5. Für das Urban Gardening geeignete Arten und Sorten haben eine hohe Toleranz gegenüber Winterfrösten und zeitweiligen Trockenphasen. Sie sind im gut sortieren Fachhandel erhältlich.
6. Mit den ersten Früchten kann schon im Pflanzjahr gerechnet werden, ab dem zweiten und dritten Jahr können die Bäume deutlich zur privaten Obstversorgung beitragen. Bei optimaler Pflege kann ein Obstbaum ab dem vierten Jahr zwischen 10 und 25 kg tragen.
7. Keine Angst vor Schadstoffen! Berlin ist eine grüne Stadt, in den Bereichen der Klein- und Schrebergärten liegt meist eine geringe Schadstoffbelastung vor. In Straßennähe kann das anders aussehen. In jedem Fall gilt, dass geerntetes Obst vor dem Genuss mit handwarmem Wasser abzuspülen ist.
8. Apropos Klimawandel: Anspruchsvolle Sorten der Tafeltrauben, Aprikosen oder des Pfirsichs fühlen sich erst in Temperaturbereichen von 10,2 °C aufwärts wohl (Jahresdurchschnittstemperatur der Luft) und erreichen dort ihr geschmackliches Optimum.
9. Die süßen Früchte aller Arten ziehen viele Schädlinge an, aber auch ohne Einsatz chemischer Mittel können die Pflanzen vorbeugend geschützt werden. Beispiele sind das Anbringen von Leimringen gegen den Kleinen Frostspanner und Ameisen oder das Einnetzen von Tafeltrauben mit feinen Gazenetzen. Der gutsortierte Fachhandel bietet Möglichkeiten, Blattläusen, Wicklern wie auch verschiedenen Rüsselkäfern umweltfreundlich zu Leibe zu rücken.
10. Im Landes-Sortengarten Müncheberg am ZALF werden 20jährige Anbauerfahrungen mit Obstgehölzen für aktuelle Forschungen, z. B. zur Anpassung an den Klimawandel, genutzt. Mehr Informationen zum Sortengarten und zum Projekt „Obstgenetische Ressourcen“ gibt es unter http://www.zalf.de/obst

Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung arbeitet zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen im Zusammenhang mit der Nutzung von Agrarlandschaften, wie Ernährungssicherung, nachhaltige Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen, biologische Vielfalt und Ökosysteme. Forschungsfragen umfassen die naturwissenschaftlichen Grundlagen von Prozessen in Agrarlandschaften, die Wirkung unterschiedlicher Nutzungen sowie daraus entstehende Nutzungskonflikte und deren Regelung. Aufbauend auf den Ergebnissen entwickelt das ZALF Konzepte für eine nachhaltige Nutzung von Agrarlandschaften.

www.zalf.de

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