Neue Leitlinie für medizinische Fallberichte hilft, das Gesundheitssystem zu verbessern

Fallberichte sind eine eigene medizinische (Literatur-)Gattung. In ihnen veröffentlichen Ärzte ungewöhnliche Beobachtungen. Bei der Entdeckung vieler Nebenwirkungen, neuer Therapie- und Diagnoseverfahren, neuer oder seltener Erkrankungen und ungewöhnlicher Formen bekannter Erkrankungen spielten diese Fallberichte aus der normalen klinischen Patientenversorgung schon in der Vergangenheit eine wesentliche Rolle. Beispiele sind der Zusammenhang von Thalidomid und Fehlbildungen bei Neugeborenen und die Wirkung von Propranolol auf bestimmte Gefäßtumore bei Kindern (infantile Hämangiome). Fallberichte können aber auch Ideen für künftige klinische Studien hervorbringen oder sogar die Ansätze der Medizin in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Eine international zusammengesetzte Gruppe von 27 Medizinern u.a. mit Dr. med. Gunver S. Kienle von der Universität Witten/Herdecke hat nun diese Fallberichte analysiert. Ergebnis: Sie enthalten häufig zu wenig Informationen, die man auswerten kann. Beispielsweise ergab eine Untersuchung von 1.316 Fallberichten aus vier notfallmedizinischen Zeitschriften mit Peer-Review-Verfahren, dass in mehr als der Hälfte der Berichte wichtige Informationen zur Erstbehandlung nicht beschrieben wurden – was den Nutzen deutlich reduziert. Die neue Publikationsleitlinie setzt hier an, indem sie auch für Fallberichte wichtige Fakten festlegt. Damit werden sie für eine systematische Datenanalyse, für die Planung klinischer Studien und zur Verbesserung der klinischen Praxis verwertbar. Zwar gibt es bereits Leitlinien speziell für Fallberichte zu Arzneimittelnebenwirkungen, nicht aber allgemeine Fallbericht-Leitlinien. Das Ziel der Kommission war es deshalb, eine solche Leitlinie in einem Konsensusverfahren zu entwickeln, die nun im Deutschen Ärzteblatt und parallel in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. (Siehe Hinweis unten.) Die Leitlinie enthält 13 Checkpunkte: Titel, Schlüsselwörter, Zusammenfassung, Einleitung, Patienteninformation, klinische Befunde, Zeitachse („timeline“), diagnostisches Verfahren, therapeutische Intervention, Ergebnisse und Follow-up, Diskussion, Patientenperspektive, informierte Einwilligung.

Fazit: Die Implementierung der CARE (CAse REporting)-Leitlinie durch medizinische Fachzeitschriften soll die Vollständigkeit und Transparenz publizierter Fallberichte verbessern. Die systematische Sammlung von Informationen aus Fallberichten kann bei der Planung klinischer Studien helfen und frühe Hinweise auf Wirksamkeit und Risiken von Gesundheitsmaßnahmen geben sowie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung beitragen. Die Autoren erwarten, dass man so auch beurteilen können wird, was gegenwärtig welchem Patienten hilft, und dass dabei auch Vergleiche zwischen verschiedenen medizinischen Systemen und Kulturen erleichtert werden. Wenn deutlich wird, wie neue Einzelfall-Daten zur „Evidenz“ beitragen, wird die erforderliche Unterstützung für die Erzeugung von qualitativ hochwertigen klinischen Daten aus solchen Einzelfällen lohnenswert, und die vorherrschende Haltung gegenüber einer „Beobachtung“ wird sich verändern. Die CARE-Leitlinien bieten einen Rahmen, um die notwendige Genauigkeit, Vollständigkeit und Transparenz von Fallberichten zu gewährleisten.

http://www.aerzteblatt.de/archiv/145657/Die-Case-Reporting-(CARE)-Guideline-Entwicklung-einer-konsensbasierten-Leitlinie-fuer-die-Erstellung-klinischer-Fallberichte, und
http://www.heraldonline.com/2013/09/10/5193914/new-reporting-guidelines-for-case.html

Weitere Informationen bei Dr. med. Gunver Sophia Kienle, Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie e.V. (An-Institut der Universität Witten/Herdecke), Zechenweg 6, 79111 Freiburg
gunver.kienle@ifaemm.de

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