Nach sexueller Gewalt sofort zum Gynäkologen

In Deutschland waren 13 Prozent der Frauen zwischen 16 und 85 Jahren bereits einmal Opfer strafrechtlich relevanter sexueller Gewalt. Nahezu jede siebte Frau hat somit bereits eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder unterschied-liche Formen sexueller Nötigung unter Anwendung von körperlichem Zwang oder Drohungen erlebt. Oft sind körperliche Verletzungen die Folge: Ein Drittel der Frauen benötigte medizinische Hilfe.1 Erster Ansprechpartner für betroffene Frauen sind häufig die Gynäkologin oder der Gynäkologe. Fachärzte für Frauenkrankheiten helfen ihren Patientinnen nicht nur bei der Vorbeugung, Erkennung und Behand-lung von Krankheiten, sondern sie betreuen und beraten ihre Patientinnen auch nach sexuellen Übergriffen durch Fremde oder den Partner. Der Gynäkologe Professor Dietrich Berg aus Amberg hat mit der Arbeitsgruppe Medizinrecht der DGGG sowie weiteren Experten eine Leitlinie2 mit Empfehlungen entwickelt, die es Ärzten erleichtert, Frauen nach sexuellen Gewaltanwendungen kompetent und einfühlsam zu beraten und zu untersuchen. Eine sorgfältige Befundaufnahme ist sehr wichtig, um den Täter überführen zu können. Gynäkologen sollten für die Beweissicherung ein spezielles Untersuchungs-Set vorhalten. Die Leitlinie der DGGG enthält eine detaillierte Beschreibung des Untersuchungs-Sets nach Empfehlungen des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen.

K.O.-Tropfen spielen vermutlich immer größere Rolle
Typische Zeichen für eine Vergewaltigung fehlen jedoch oft, wenn das Opfer zuvor mit so genannten K.O.-Tropfen wehrlos gemacht wurde. „Die Fälle, bei denen K.O.-Tropfen zum Einsatz kamen, scheinen sich zu häufen“, sagte Professor Berg auf dem DGGG-Kongress in München. Diese Beobachtung machen auch Frauenfach-beratungsstellen wie Frauennotrufe.

K.O.-Tropfen sind meist farblos, ölig und haben nur einen schwachen Eigengeruch und bloß einen leichten Beigeschmack.2 Die Täter verabreichen diese Substanzen auf Feiern oft unbemerkt in Getränken. „Frauen, denen ohne ihr Wissen Drogen verabreicht wurden, leiden oft besonders massiv unter Scham- und Schuldgefüh-len, weil sie glauben, den „Black-out“ selbst durch Alkohol ausgelöst zu haben. Aus diesem Grund gehen nur sehr wenige Opfer zur Polizei.3 Die betroffenen Frauen misstrauen häufig auch ihren eigenen – wenn auch nur bruchstückhaften – Erinnerungen, weil objektive Beweise wie Abwehrverletzungen fehlen. Hinweise auf die unbemerkte Einnahme von K.O.-Tropfen sind beispielsweise Erinnerungsstö-rungen, Gefühle von Willen- oder Reglosigkeit oder „wie in Watte gepackt“ zu sein und später Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel, Atemnot, Kopfschmerzen, Krämpfe oder Verwirrtheit. „Gynäkologen können K.O.-Tropfen im Blut bis zu acht Stunden nach der Einnahme und im Urin bis zu zwölf Stunden nachweisen. Daher ist es wichtig, dass die betroffenen Frauen möglichst bald ihren Arzt aufsuchen“, erklärte Berg.

Insgesamt schalten nur acht Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, die Polizei ein.1 „Frauenärzte helfen ihren körperlich oder seelisch verletzten Patientinnen nach sexuellen Übergriffen ganz unabhängig davon, ob eine Anzeige erstattet werden soll“, erläuterte Berg. Nach sexueller Gewalt benötigen Frauen Rat und Hilfe, denn eine ungewollte Schwangerschaft, Infektionen mit Geschlechtskrankheiten oder AIDS können eine Folge der sexuellen Gewaltanwendung sein. Der Gynäkologe Berg rät betroffenen Frauen dringend, sich ihrem Arzt anzuvertrauen.

Quellen:
1 Schröttle, Monika/Müller, Ursula (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Im Auftrag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; www.bmfsfj.de

2 Ärztliche Gesprächsführung, Untersuchung und Nachbetreuung von Frauen nach mutmaßlicher sexueller Gewaltanwendung. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) (2009). www.dggg.de

3 Sexualisierte Gewalt unter dem Einfluss sedierender Substanzen (k.o.-Tropfen): Problem-beschreibung und Handlungsbedarf. Ein Papier des Bundesverbandes Frauenberatungsstel-len und Frauennotrufe (bff) (November 2009). www.frauen-gegen-gewalt.de
(idw, 10/2010)

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