Nach Intensiv- und Notfallmedizin-Kongress: Wir müssen uns noch mehr mit der Gesundheit im globalen Sinne beschäftigen

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Am Abschlusstag sprach DIVI-Kongresspräsident Professor Bernd W. Böttiger über seine Eindrücke und Erkenntnisse daraus für zukünftige Kongresse.

Herr Professor Böttiger, beschreiben Sie den Kongress doch mal in drei Worten.

Drei Worte sind hier nicht einfach. Das war ein ziemlich guter Kongress – und gut organisiert. Wir haben hier einen großartigen Kongress erlebt. Ich habe nur zufriedene Menschen getroffen und bin selbst auch hochzufrieden. Ich bedanke mich bei allen, die dazu beigetragen haben. Und in drei Worten: exzellent, großartig, hochzufrieden!

Was hat Sie nach drei Kongresstagen hier in Hamburg am meisten beeindruckt?

Am meisten beeindruckt hat mich die Atmosphäre, die wirklich nur positiv war. Und das haben vor allem auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgestrahlt. Wir sind interprofessionell, wir sind interdisziplinär, wir sind einzigartig. Das ist nicht nur so gesagt, denn solch eine Organisation wie die DIVI gibt es nur einmal. Ich werde immer wieder bereichert. Und zwar nicht nur, wenn ich mit Fachkolleginnen und -kollegen spreche, sondern auch mit vielen anderen Menschen, die ich hier treffe. Das macht den Charme, das Niveau und eben die Einzigartigkeit der DIVI und des DIVI-Kongresses aus. Mindestens im deutschsprachigen Raum, wahrscheinlich sogar europa- und weltweit.

Sie sagten in Ihrer Begrüßungsrede, der DIVI-Kongress gehöre nach Hamburg. Warum ist der Standort so wichtig?

Was ich in besonderer Weise charmant finde: Hamburg ist nicht nur eine offene Weltstadt, pures Leben sowie voller Energie und Intellekt. Es ist auch vor Ort alles sehr praktisch organisiert. Man kann von der Stadt zum Kongress laufen – und umgekehrt. Oder zum Hotel. Unser Kongress ist in der Stadt. Zudem hält der ICE direkt vor der Tür. Das ist einfach genial. So muss es sein. Das ist auch gut für einen geringeren CO2-Ausstoß.

Aus welchen Regionen kamen die Teilnehmer nach Hamburg?

Das lässt sich nicht auf wenige Regionen reduzieren. Wir hatten hier Menschen aus 43 Nationen beim Kongress, wir werden immer internationaler. Im deutschsprachigen Raum sind wir der wichtigste Kongress für die Intensiv- und Notfallmedizin. Das höre ich von allen Menschen, mit denen ich mich hier unterhalte. Die sind alle völlig begeistert. Ich glaube, wir haben auch einen relativ ausgeglichenen Geschlechteranteil: Wir haben viele Referentinnen und weibliche Vorsitzende. Das kann man in den nächsten Jahren sicher noch weiterentwickeln.

Sie sagten zu Kongressbeginn ebenso, die DIVI sei auch Politik. Wie meinen Sie das?

Ich meine damit, dass Medizin – so wie ich sie verstehe – nicht nur darauf ausgerichtet sein darf, individuell Menschen zu heilen und das Leben aller angenehmer zu machen. Gesundheit ist viel größer und globaler: Gesundheit heißt auch, dass wir auf uns selbst achten müssen und auf andere in den Gesundheitsberufen – Stichwort Resilienz. Achtsamkeit und Wertschätzung sind sehr wichtige Begriffe. Und das müssen wir auch unserer Welt und Umwelt an sich entgegenbringen, denn wir haben nur eine. Wir leben in Systemen, die in den vergangenen Jahrzehnten nicht so viel Wert darauf gelegt haben. Das muss sich dringend ändern. Eckart von Hirschhausen hat darauf ja auch in seiner Festrede besonders hingewiesen. Wenn wir nichts ändern, dann wird es diese Welt in dieser Form bald nicht mehr geben. Und dann haben wir erst recht ein Gesundheitsproblem, auch in unseren Krankenhäusern und mit unseren Patientinnen und Patienten. Da sind wir natürlich als Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Notfallsanitäter besonders gefordert. Wir müssen uns auch medizinisch um unsere Welt kümmern. Das scheint ein Notfall zu sein.

Welchen Eindruck haben Sie vom Auftritt des Bundesgesundheitsministers?

Ich fand Jens Spahn sehr klar. Nicht in jedem Punkt bin ich seiner Meinung. Und natürlich muss er auch erst einmal anfangen, die Sachen in die richtige Richtung zu entwickeln. Da ist in den letzten Jahren auch vieles nicht so gut, sinnvoll und effektiv gewesen, darunter leiden wir jetzt. Ich habe deswegen Verständnis, wenn Spahn sagt, dass er es nicht von heute auf morgen verbessern kann. Und ich habe den Eindruck, dass er es anpackt. Er hat bei mir durch seinen Auftritt sehr gewonnen, mein Bild von ihm ist deutlich positiver geworden.

Welche dringenden Themen der Intensiv- und Notfallmedizin konnten Sie ihm wiederum mit auf den Weg geben?

Es ist aus unserer Sicht ein guter Impuls, dass die Pflege bei der Finanzierung aus dem DRG-System rausgeht. Ob es aber eine gute Idee ist, Pflegende aus der ganzen Welt zu holen, weiß ich nicht. Vielleicht muss man insbesondere auch daran denken, wie man die Menschen hier wieder mehr motivieren kann und den Beruf attraktiver macht. Auch das haben wir ihm mit auf den Weg gegeben. Das hat auch die Diskussionsrunde mit dem Minister nochmal klar herausgestellt. Und es muss auch darüber nachgedacht werden, inwieweit wir an einigen Stellen nicht zu viel an Medizin machen – zu viele Krankenhäuser, zu viele Operationen zum Beispiel. Wir müssen auch die Gesundheitskompetenz stärken. Und ich wünsche mir von Jens Spahn auch, dass er sich für die verpflichtende bundesweite Schülerausbildung in Wiederbelebung einsetzt.

Diese Schülerausbildung im Rahmen der Aktion „KIDS SAVE LIVES“ fand schon vor dem offiziellen Kongressbeginn statt. Wie haben die Hamburger Schüler das angenommen?

Insgesamt 240 Schülerinnen und Schüler haben sich an unserer Aktion beteiligt. Natürlich waren auch deren Lehrerinnen und Lehrer dabei und auch viele Hamburger Organisationen, die sich diesem Thema widmen. Die waren alle total begeistert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben auch eine Hausaufgabe bekommen: Sie müssen in den nächsten zwei Wochen an ihren kleinen Trainingspuppen jeweils zehn weitere Menschen in der Wiederbelebung trainieren – sie sind für uns also auch Multiplikatoren. Das macht wirklich sehr viel Freude, sowohl den Teilnehmenden als auch denen, die das weiter in die Welt tragen.

Welches Gefühl nehmen Sie für sich persönlich mit nach Hause?

Ich glaube, dass wir hier einen Kongress auf höchstem wissenschaftlichen und auch interdisziplinären sowie interprofessionellen Niveau hatten. Er ist geprägt von großer gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Aufmerksamkeit. Das spürt man in jedem Moment, wo man hier durch die Flure läuft oder an einer der zahlreichen Sitzungen teilnimmt. Das ist ein ganz wichtiger Impuls für die Zukunft und für den Umgang miteinander: Die DIVI ist Medizin, die DIVI ist Politik und die DIVI wirkt eben auch in die Zukunft.

Und welche Take-Home-Message haben Sie für die Teilnehmer?

Sicherlich ist vielen Teilnehmern klar geworden, dass wir in Zukunft nicht nur einen Schwerpunkt auf die finanziellen Belange in unseren Kliniken legen können. Darüber wurde viel diskutiert – und das werden wir auch weiterhin. Wir müssen – neben einer Patientenversorgung auf höchstem Niveau – einen weiteren Schwerpunkt in Richtung uns selbst legen, damit wir uns richtig wohlfühlen in den Systemen, in denen wir jeden Tag arbeiten. Wir müssen uns auch um uns selbst kümmern, dafür braucht es die entsprechenden organisatorischen und politischen Rahmenbedingungen. Meine Message an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Nutzen Sie die neuen Erkenntnisse nach dem Kongress und sorgen Sie mit uns dafür, dass wir unser Gesundheitssystem und Arbeitsumfeld auf allen Ebenen gemeinsam weiterentwickeln! Dafür werden Entwicklungen und Veränderungen notwendig sein. Ich glaube, dass wir mit dem Kongress und unseren Aktivitäten der vergangenen Monate schon einiges dazu beigetragen haben. Daran müssen wir aktiv anknüpfen.

Gibt es nach dem DIVI-Kongress 2019 weitere Erkenntnisse für die Zukunft der Intensiv- und Notfallmedizin?

Mein Gefühl nach vielen Gesprächen und zahlreichen Feedbacks ist: Es ist toll, wenn wir uns beim Kongress weiter mit Wissenschaft, Medizin und fachlichem Personal beschäftigen. Wir müssen uns aber noch sehr viel mehr als jetzt mit dem Thema Gesundheit im globalen Sinne beschäftigen. Oder um es mit Hirschhausen zu sagen: Was nutzt uns ein gesunder Patient auf einem kranken Planeten? Der nämlich kann ganz schnell wieder zunichtemachen, was wir erreicht haben. Gesundheit ist sehr viel breiter als nur Medizin. Wenn wir beim nächsten Kongress auch diesbezüglich weitere Impulse setzen, dann sind wir weiterhin sehr gut aufgestellt.

Schon jetzt vormerken: Der 20. DIVI-Kongress findet vom 2. bis 4. Dezember 2020 im CCH Hamburg statt.


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