Multiple Sklerose fordert auch die Seele heraus

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung, die auch 160 Jahre nach ihrer Entdeckung eine große Herausforderung für die Medizin, die Betroffenen und ihre Angehörigen darstellt. Sie ist bislang unheilbar, schleichend, schwer diagnostizierbar, tritt häufig bei jungen Erwachsenen erstmals auf und erfasst im weiteren Verlauf den ganzen Körper. Oftmals lassen sich die ersten Symptome der MS nicht dieser Krankheit zuordnen, so dass wertvolle Zeit verstreicht, bevor die Diagnose gestellt und mit einer gezielten Therapie begonnen werden kann. Und auch danach bleibt die Krankheit so facettenreich wie der Umgang der Patienten mit ihr. Dies ist eine der Kernaussagen des Dokumentarfilms „Multiple Schicksale“, den der Schweizer Nachwuchsregisseur Jann Kessler gedreht hat. Dazu besuchte er sieben Betroffene, die er in dem Film porträtierte. Im Mittelpunkt standen dabei nicht die medizinischen Aspekte der Krankheit, sondern die ganz unterschiedliche Art, mit ihr umzugehen.

„Jeder Patient ist anders und dementsprechend lassen sich beim Umgang mit der Erkrankung es viele Facetten erkennen. Leider nehmen viele Außenstehende die Emotionen der Betroffenen nicht wahr, wodurch ihnen das notwendige Verständnis für die seelische Situation der Betroffenen fehlt“, fasst Dr. Katja Thomas aus dem Multiple-Sklerose-Zentrum der Klinik für Neurologie die Erfahrungen zusammen, die viele ihrer Patienten machen. Deshalb setzt das Dresdner MS-Zentrum auf eine umfassende Versorgung der Patienten, die sich nicht auf die rein medizinischen Aspekte beschränkt. „Gerade weil die MS-Diagnose häufig bei jungen Erwachsenen gestellt wird, die mitten im Leben stehen und viel vorhaben, drängen sich Fragen zur weiteren Berufstätigkeit und zur Partnerschaft auf. Auch der Kinderwunsch spielt eine immer stärkere Rolle“, berichtet Dr. Thomas aus dem ärztlichen Alltag. Im Multiple-Sklerose-Zentrum arbeiten deshalb neben Ärzten und Pflegekräften unter anderem auch Sozialarbeiter.

Dr. Thomas rät Patienten, möglichst offensiv mit der MS umzugehen und ihr persönliches Umfeld mit einzubeziehen, um so für Verständnis und eine dem Betroffenen wirklich helfende Unterstützung zu erhalten. – Dazu gedrängt wird niemand, doch die MS-Experten machen den Patienten Mut. Auch viele Betroffene, die ganz offen mit ihrer Krankheit umgehen, haben erst einmal eine seelische Krise überstehen müssen. „Die ersten vier Wochen konnte ich nicht darüber sprechen, denn am Anfang war es auch für mich eine große Last“, erzählt Katja Scholtyschik, die vor drei Jahren die MS-Diagnose erhielt und seitdem im Dresdner Uniklinikum behandelt wird. „Dann stand ich vor der Entscheidung – ‚wie geht es mit mir weiter?‘“ Aufgrund der körperlichen Einschränkungen, die sich bereits vor der Diagnose einstellten, konnte die Krankenschwester ihre Krankheit ohnehin nicht verbergen. Das offene, kommunikative Wesen half der Pirnaerin, in die Offensive zu gehen. Ihr Ehemann und ihr Arbeitgeber haben daran einen großen Anteil. Denn Katja Scholtyschik arbeitet weiterhin als Krankenschwester – wenn auch nicht auf einer Station sondern sie bildet nun den Nachwuchs in der Pflege aus. „Ich setze das um, was ich kann“, sagt die 33-Jährige selbstbewusst. Kon¬kret bedeutet dies eine 40-Stunden-Arbeitswoche, die sie ab und an schon an ihre körperlichen Grenzen bringt. Diese Herausforderung kommentiert sie mit dem Satz „Die MS muss eben auch mit mir leben!“ Mitleid mag sie ebenso nicht, wie Menschen, die sie in Situationen schonen, wo dies nicht nötig ist. „Ich finde es schön, dass mein Mann immer mal wieder vergisst, dass ich krank bin und sich etwas wünscht, was ich tatsächlich nicht leisten kann“.

Nach der erst spät gestellten Diagnose erhält die Pirnaerin eine spezielle Antikörper-Therapie und kommt dazu einmal im Monat ins Multiple-Sklerose-Zentrum der Klinik für Neurologie des Dresdner Uniklinikums, wo sie das innovative Medikament per Infusion erhält. Sich für diese Therapie zu entscheiden, war richtig: Seit Beginn der Infusionen hatte sie keine MS-Schübe mehr, die möglicherweise weitere körperliche Einschränkungen bedeuten könnten. Ihre offensive Haltung gegenüber der Krankheit zeigt sich auch in ihrer Bereitschaft, an Studien teilzunehmen, die das MS-Zentrum anbietet.

Das Multiple-Sklerose-Zentrum der Klinik für Neurologie

Das durch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft zertifizierte Zentrum lässt die Patienten unmittelbar am medizinischen Fortschritt teilhaben. Seit seiner Gründung vor knapp zehn Jahren ist das MS-Zentrum stetig gewachsen – heute behandeln die Neurologen des Klinikums pro Jahr mehr als 1.500 Patienten. Als eine der bundesweit größten und renommiertesten Einrichtungen dieser Art verknüpft das Zentrum die ambulante medizinische Versorgung der Patienten mit einem umfangreichen psychosozialen Beratungsangebot und einer regen Forschungstätigkeit.
Die 2011 im ABAKUS-Gebäude an der Blasewitzer Straße bezogenen Räume des Zentrums bieten Patienten, Ärzten und Forschern auf knapp 600 Quadratmetern eine optimale Infrastruktur. „Größe und Aufbau einer solchen Einrichtung sind entscheidend für dessen Erfolg“, sagt Prof. Ziemssen mit Blick auf die Geschichte der Einrichtung. Das MS-Zentrum ist auch zu einem wichtigen Partner bei der Fortbildung von MS-Ärzten geworden: Neurologen aus Lateinamerika, Nordamerika, Europa und einigen arabischen Ländern nahmen bereits an Schulungsprogrammen des MS-Zentrums der Klinik für Neurologie teil.

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Multiple Sklerose Zentrum (MSZ)
Leitung: Prof. Dr. Tjalf Ziemssen
Tel. 0351/ 4 58 44 65 (Sekretariat)
E-Mail: tjalf.ziemssen@uniklinikum-dresden.de

Scroll to Top