Molekulare Bremsen und zelluläre Zeitbomben

„Die Marburger Lebenswissenschaften können sich im europäischen Vergleich bestens behaupten, wie die jüngsten Erfolge bei der ERC-Förderung einmal mehr belegen“, erklärt Professor Dr. Frank Bremmer, Vizepräsident der Philipps-Universität. Die erfolgreichen Bewerber um einen „ERC Grant“ werden in einem höchst kompetitiven Verfahren aus einer großen Zahl von Antragstellern ausgewählt.

Die wissenschaftliche Arbeit von Gerhard Schratt gilt der Fähigkeit neuronaler Netzwerke, sich ständig auf neue Erfahrungen und eine veränderte Umwelt einzustellen – eine Hirnleistung, die bei psychiatrischen Störungen wie zum Beispiel Autismus und Schizophrenie gestört sein kann. Der Biochemiker geht davon aus, dass eine kürzlich entdeckte Klasse von Molekülen hierfür von Belang ist, die als mikroRNAs bezeichnet werden.

„MikroRNAs sind winzige Erbgutschnipsel, die als molekulare Bremsen wirken und die Bildung wichtiger Proteine unterdrücken“, erläutert der Wissenschaftler. In Nervenzellen verhindern bestimmte mikroRNAs, dass es zu unkontrolliertem Wachstum von Synapsen kommt. Schratt möchte diesen Zusammenhang mit einer Vielzahl neuartiger Forschungsansätze aufklären, unter anderem mit bildgebenden Verfahren sowie mit genetischen Experimenten an Modellorganismen.

Schratt absolvierte ein Biochemie-Studium in Tübingen, wo er 2001 auch promoviert wurde. Nach Forschungsaufenthalten an der Harvard Medical School und in Heidelberg folgte er im vergangenen Jahr einem Ruf an die Philipps-Universität, wo er das Institut für Physiologische Chemie leitet. Schratt ist zudem Träger des Joachim Siebeneicher-Forschungspreises und des Chica und Heinz Schaller-Forschungspreises.

Thorsten Stiewes Forschungsprojekt widmet sich der Funktion des Moleküls p73 bei Krebserkrankungen, insbesondere dem Zusammenwirken von p73 mit weiteren Faktoren. Der Transkriptionsfaktor p73 kann sowohl tumor-fördernd wirken als auch tumor-unterdrückende Effekte haben. Das legt nahe, dass hierbei kooperierende Moleküle eine Rolle spielen. „Im Verlauf ihrer Entwicklung gelingt es vielen Tumoren, gezielt die tumor-unterdrückende Funktion von p73 abzuschalten“, erläutert Stiewe. „Die Tumore verwandeln p73 quasi von einem Tumorsuppressor in das Gegenteil – ein Onkogen.“

Dadurch werden die Krebszellen abhängig von Faktoren, die kontinuierlich wirken müssen, um die p73-vermittelte Tumorsuppression in Schach zu halten. „p73 wird so zu einer Zeitbombe für den Tumor“, erklärt der Molekularbiologe. Ziel des vom European Research Council geförderten Projektes ist es Stiewe zufolge, diese Erkenntnisse therapeutisch zu nutzen und neuartige Therapiestrategien zu entwickeln, um durch Zünden der p73-Zeitbombe den Tumor zu bekämpfen.

Stiewe studierte Humanmedizin und Chemie an der Universität Essen, wo er im Jahr 2000 auch promoviert wurde. Nach einer Forschungstätigkeit als Nachwuchsgruppenleiter in Würzburg habilitierte er sich im Jahr 2007 für Biochemie und Molekularbiologie und wurde 2007 als Professor für Molekulare Onkologie an die Philipps-Universität berufen. Im Jahr 2007 erhielt er die C. G. Schmidt-Medaille des Westdeutschen Tumorzentrums.

Der dritte Marburger Wissenschaftler, der einen „ERC Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrats erhalten hat, ist der Informatiker Professor Dr. Klaus Ostermann. Er war im Jahr 2008 der einzige deutsche Vertreter seines Faches, der mit der begehrten Förderung ausgezeichnet wurde. Zudem empfing Dr. Gerhard Klebe, Professor für Pharmazeutische Chemie an der Philipps-Universität, im vergangenen Jahr den „Advanced Grant“ des ERC für etablierte Wissenschaftler. Der Europäische Forschungsrat verfolgt mit seiner Nachwuchsförderlinie das Ziel, Entfaltungsmöglichkeiten für wissenschaftliche Talente zu schaffen, die bereits das Potenzial gezeigt haben, dass sie unabhängige Forschung auf höchstem Niveau zu betreiben vermögen.

Weitere Informationen:
Ansprechpartner: Professor Dr. Gerhard Schratt,
Institut für Physiologische Chemie
Tel.: 06421 28-65020
E-Mail:

Professor Dr. Thorsten Stiewe,
Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung
Tel.: 06421 28-26280
E-Mail:

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