Mit erheblichen Folgen

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) ist bereits seit 1992 offiziell von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Dennoch sind die Erfolge, Verstümmelung von Neugeborenen und jungen Mädchen zu verhindern, oft begrenzt. Ein Schnitt in die Klitoris oder deren vollständige Entfernung (FGM I) sowie die Beschneidung (FGM II) und das Zusammennähen der äußeren Schamlippen (FGM III) stellen verschiedene Schweregrade dar. Zusammengewachsene Schamlippen werden durch Geschlechtsverkehr oder dem Gebären eines Kindes oft brutal auseinandergerissen und anschließend wieder zusammengenäht (Infibulation).

Unter der Leitung des Konstanzer Neuropsychologen Prof. Dr. Thomas Elbert analysierten Dr. Anke Köbach und Dr. Martina Ruf-Leuschner erstmals in einer umfassenden wissenschaftlichen Studie systematisch die Folgen von FGM auf Körper und Psyche. Die Untersuchungen fanden in den äthiopischen Somali-Region unter den Volksgruppen der Somalis, Amhara und Oromo statt und damit in einem kulturellen Umfeld, in dem diese Tradition praktiziert wird. Dabei bestätigte sich, dass die Frauen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch verletzt werden. In jedem Fall werden sie verletzlicher für Trauma-Folgestörungen wie Posttraumatische Belastungsstörung und Depression. Die Folgen sind besonders gravierend in der Gruppe von Frauen, die unter den invasivsten Formen von FGM leiden müssen (Typ II/III). So haben fast 20 Prozent dieser jungen Frauen im Alter von durchschnittlich 32 Jahren eine posttraumatische Belastungsstörung. Dabei treten massive Folgen der Traumatisierung insbesondere bei Personen auf, die weitere Bedrohungen für Leib und Leben erfahren mussten.

Auch die Stressregulation des Körpers präsentiert sich bei diesen Frauen in veränderter Form. Dies konnte das Team der Konstanzer Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie anhand der Dichte des Stresshormons Kortisol untersuchen, das sich in Haaren angereichert hatte. Frauen mit schweren Formen von FGM weisen erhöhte Werte auf. Aber auch bei Frauen, die FGM I im Säuglingsalter erleben mussten, finden sich erhöhte Werte. Anke Köbach stellt fest: „Auch wenn sich Frauen nicht bewusst an den Vorgang der Beschneidung erinnern können, so tragen sie doch die Erinnerung in ihrem biologischen System ein Leben lang mit sich.“

Über Kortisol wird die Bereitstellung von Sauerstoff, Glukose und anderen Nährstoffen heraufgesetzt. Darüber hinaus dämmt die Ausschüttung von Kortisol die akute Stressantwort durch Adrenalin und Noradrenalin ein. Gleichzeitig wird aber auch die Darmaktivität sowie die Entzündungs- und Immunantwort gehemmt. Übergewicht, Muskel- und Gewebsschwäche und auch veränderte Gehirnentwicklungen können dadurch begünstigt werden. „Nicht nur dem medizinische Personal, das die Praxis von FGM unterstützt, sollten diese Befunde zu denken geben“, sagt Thomas Elbert.

Originalveröffentlichung:
Anke Köbach, Martina Ruf-Leuschner, Thomas Elbert: “Psychopathological sequelae of female genital mutilation and their neuroendocrinological associations. BMC Psychiatry, 13. Juni 2018.
https://doi.org/10.1186/s12888-018-1757-0

Faktenübersicht:
• Studie zum Zusammenhang weibliche Genitalverstümmelung und seelischer Erkrankungen
• Durchgeführt von der Konstanzer Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Elbert
• 176 Frauen nahmen an der Untersuchung teil
• Untersuchung in Äthiopien
• Rund 20 Prozent der untersuchten Frauen mit der schwersten Formen von FGM leiden im Alter von durchschnittlich 32 Jahren an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Hinweis an die Redaktionen:
Ein Foto kann im Folgenden heruntergeladen werden:
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Bildunterschrift:
Dr. Anke Köbach (Mitte) und Dr. Martina Ruf-Leuschner untersuchten unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Elbert erstmals in einer umfassenden wissenschaftlichen Studie systematisch die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung auf Körper und Psyche.
Bild: Universität Konstanz

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– uni.kn

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