Missbrauchsopfer lernen, sich vom Gefühl des Beschmutz-Seins zu lösen – Frankfurter Pilotstudie

Mit den Fingernägeln schabt Katja L. (Name geändert) fest an ihrem Arm entlang: „Ich fühle mich dreckig, besudelt, als würde eine dicke Kruste aus Schmutz meinen Körper bedecken.“ Um dieses Gefühl los zu werden, duscht die 33-Jährige mitunter mehrmals am Tag mit heißem Wasser und schrubbt ihre Haut mit einer Bürste, bis sie rot leuchtet. Das Gefühl, beschmutzt zu sein, kennt sie seit vielen Jahren. Es geht zurück auf einen sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater vom achten bis zum 14. Lebensjahr.

„Oftmals ist nach einem Missbrauch das Selbstwertgefühl der Opfer massiv beeinträchtigt, aber auch die Beziehungen zu anderen Menschen“, berichtet Jung. So befürchtet Katja L. man könnte den Dreck an ihr sehen oder riechen. Bisweilen setzen die Betroffenen harte Reiniger oder Desinfektionsmittel ein, um sich von dem belastenden Gefühl zu befreien; andere vermeiden es, sich zu waschen, weil sie den direkten Kontakt mit ihrem verunreinigten Körper ekelerregend finden. Die spezifische Behandlung, die die Frankfurter nun mehrfach mit Patientinnen erprobt haben, fokussiert gezielt das Gefühl des Beschmutzt-Seins. „Zu Beginn unserer Arbeit haben wir betroffene Frauen im Internet recherchieren lassen, wie häufig sich Hautzellen erneuern. Das geschieht im Durchschnitt etwa alle vier Wochen“, berichtet Steil. Allein die Information, dass sich ihre Haut der Opfer seit dem Missbrauch zahlreiche Male komplett erneuert hat, und die heutige Haut in keiner Weise mehr die selbe ist, die vom Täter berührt wurde, haben viele Frauen als sehr entlastend erlebt.

Andererseits gaben zahlreiche Frauen an, dass sie rational zwar wissen, dass sie nicht schmutzig sind, es sich aber anders anfühle. Das hat die Psychologinnen angeregt, die Information in stärkerem Maß gefühlsmäßig aufzuarbeiten. „Da Forschungsbefunde der letzten Jahre auf beeindruckende Weise zeigen, dass es mit sehr kurzen Behandlungen mit Hilfe von Imagination gelingen kann, emotionale Überzeugungen, also das ‚Es-fühlt-sich-aber-anders-an’ zu verändern, haben auch wir uns der Arbeit mit der Vorstellungskraft zugewendet“, so Jung. Im Zentrum der drei Sitzungen umfassenden Kurz-Intervention steht die Imaginationskraft der Klientinnen. Unter Anleitung der Therapeutin entwickeln sie ein Vorstellungsbild, das die Idee eines „erneuerten Körpers“ illustriert, Sauberkeit und Reinheit symbolisiert. „Diese Vorstellung arbeiten wir mit allen Sinnesqualitäten aus.“

Die gesamte Übung wird auf Kassette aufgezeichnet, so dass die Patientinnen sie zuhause anhören und selbständig nutzen können. Studienteilnehmerin Katja L. empfand diese Übung als äußerst befreiend: „Gemeinsam mit meiner Therapeutin habe ich sehr genau mein Vorstellungsbild erarbeitet, wie durch einen Lichtstrahl die alte beschmutzte Haut abgelasert wird und ich mich richtig sauber und frei fühle. Diese Vorstellung habe ich dann viele Male wiederholt. Heute fühle ich mich sehr viel seltener und deutlich weniger beschmutzt und kann mit dem Gefühl umgehen, wenn es doch mal wieder auftritt.“

Die Pilot-Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Methode nicht nur das Symptom des Beschmutzt-Seins erfolgreich reduziert, sondern auch eine positive Rückwirkung auf die Bewältigung des Traumas insgesamt hat. „Insbesondere ungewollte, belastende Erinnerungen an die traumatische Situation wurden mitunter deutlich verringert“, resümiert Steil. In einer weiteren Studie, die sich gezielt an betroffene Frauen wendet, wollen die Trauma-Expertinnen die guten Effekte der Pilot-Studie nun im Vergleich mit einer Gruppe von Frauen überprüfen, die erst nach einer fünfwöchigen Wartezeit behandelt wird. Interessierte Frauen können sich direkt an die Studientherapeutin Kerstin Jung wenden.

Informationen: Dipl.-Psych. Kerstin Jung, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaften, Campus Bockenheim, Telefon (069) 798 25107, k.jung@psych.uni-frankfurt.de,

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