„Mehr privat, weniger Staat“ als Rezept für Europas angespanntes Gesundheits-Budget

„Globalisierung ist einer der Gründe, die Anlass zu Pessimismus geben, was die wirtschaftliche Entwicklung in Europa betrifft. Zunehmende Staatsverschuldung und hohe Steuersätze sind andere“, sagte heute Richard B. Saltman, Professor für Gesundheitspolitik und Management an der Rollings School of Public Health, Emory University, Atlanta, beim European Health Forum Gastein (EHFG). „Trotz der Tatsache, dass der Großteil der Gesundheitsversorgung in Europa von der öffentlichen Hand finanziert und zur Verfügung gestellt wird, wurde bis jetzt überraschend wenig darüber diskutiert, wie gesundheitspolitische Entscheidungsträger/-innen auf die höchstwahrscheinlich langanhaltende, rückläufige Konjunkturentwicklung reagieren sollen.“ Viele frühere Annahmen müssten neu überdacht werden, so Prof. Saltman. Für eine Quadratur des Kreises würden Effizienzsteigerungen alleine nicht ausreichen: „Die anhaltende Schwäche des Wirtschaftswachstums wirkt sich massiv auf die Zukunft der europäischen Gesundheitssysteme aus. Die demographische Entwicklung, steigende Kosten durch neue klinische, pharmakologische und pharmakogenetische Entwicklungen, sowie durch Informationstechnologien werden zusätzlichen Druck auf die Gesundheitsbudgets verursachen.“ Um Errungenschaften im Bereich Qualität, Sicherheit und Zugang aufrechterhalten zu können, müssten entweder nicht-öffentliche Finanzierungsquellen aufgetan werden, oder die Anbieter müssten für deutlich weniger Geld mehr Leistung liefern.

Gesundheitsmaßnahmen aus dem öffentlichen Sektor verlagern

„Neue, nicht-öffentliche Gelder müssen gefunden werden, und einige von der öffentlichen Hand erbrachte Leistungen werden durch informelle Pflege von Familienangehörigen oder privaten Stellen übernommen werden müssen“, so Prof. Saltman. Es gehe nicht nur darum, bestehende Gesundheitssysteme zu reorganisieren, wie es schon oft versucht wurde, sondern darum, Gesundheitsleistungen aus der direkten politischen und finanziellen, aber nicht rechtlichen, Kontrolle des öffentlichen Sektors zu verlagern.

Wie das funktioniert, würde sich in der Praxis zwischen den einzelnen Ländern stark unterscheiden, so der Experte. Generell bedürfe es eines fundamentalen Strukturwandels auf vier miteinander verbundenen Ebenen, um dem Spardruck gerecht zu werden und eine beständige, finanziell tragfähige Strategie zu schaffen: „Ein wesentlicher Teil der Gesundheitskosten muss vom Staat ausgelagert werden, und staatliche Regulierungen müssen vereinfacht werden, um sie effizienter und kostengünstiger zu machen“, argumentierte Prof. Saltman. „Weiters müssen Patienten/-innen, ihre Angehörigen und Gemeinden vermehrt für die Versorgung verantwortlich gemacht werden und private Arbeitgeber/-innen eine wichtigere Rolle im Bereich von Prävention und Gesundheitsversorgung übernehmen.“

Solch eine grundlegende Neuausrichtung müsse den Kern der Absicherungsfunktion eines Wohlfahrtsstaates beibehalten. Das bedeute finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Gruppen, aber alle anderen müssten wesentlich mehr Eigenverantwortung übernehmen. Eine solche Entwicklung erfordere einen neuen Gesellschaftsvertrag, der sich von der sozialen Logik des Nachkriegs-Europa deutlich unterscheide, die vom Staat sowohl finanzielle Stabilität als auch einen gleichberechtigten Zugang aller zur Gesundheitsversorgung eingefordert habe, so Prof. Saltman. In einer Zeit langsamen oder stagnierenden Wachstums sei ein solches blindes Vertrauen in den Staat unrealistisch, sagte Prof. Saltman. „Um gegen sinkende Versorgungsstandards gewappnet zu sein, muss ein Großteil der Gesundheitsfinanzierung und Gesundheitsleistungen aus nicht-öffentlichen Quellen kommen.“

Anreize für einen gesunden Lebensstil und versicherungsmathematische Gerechtigkeit

Die meisten europäischen Gesundheitssysteme haben finanzielle Anreize für gesundes Verhalten nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, manche haben sie klar als inakzeptabel abgelehnt. In den USA hingegen ist es bei privaten Versicherern bereits üblich, dass Raucher/-innen eine wesentlich höhere Prämie bezahlen, und dass Mitarbeiter/-innen, die an Programmen für Gewichts- oder Cholesterin-Kontrolle teilnehmen, reduzierte Tarife bekommen. Prof. Saltman: „Moderate Versuche, mit Blick auf verhaltensbedingte Risikofaktoren mehr versicherungsmathematische Gerechtigkeit einzuführen, sind ein wirksamer Weg zur Reduzierung der Gesundheitskosten.“

Das Ziel, so der Experte, sei nicht ein Gesundheitswesen nach dem Vorbild der USA zu schaffen, „mit seinen sich überschneidenden, uneinheitlichen und häufig unzureichenden Ebenen von Anbietern und Zahlern, ohne Planung von öffentlicher Seite.“ Aber neue Finanzierungsmöglichkeiten nicht zu fördern, sei in einer Zeit, in der das öffentlich finanzierte Gesundheitssystem in seiner gegenwärtigen Struktur unhaltbar ist, unverantwortlich. „Es wird unweigerlich zu den unbeabsichtigten Folgen kommen, die in der Regel eine große Gesundheitsreform begleiten“, räumte Prof. Saltman ein. „Staatliche Regulierung des privaten Sektors ist aufwendig und teuer. Private Anbieter, vor allem gewinnorientierte, sind nicht notwendigerweise effizienter oder von besserer Qualität als gut finanzierte und gut verwaltete öffentliche Institutionen. Diese möglichen Nachteile müssen gegen positive Ergebnisse abgewogen werden, die im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Qualität und Zugang erreicht werden können.“

„Resiliente und innovative Gesundheitssysteme in Europa“ ist das Motto des diesjährigen EHFG. Mehr als 550 Teilnehmer/-innen aus rund 45 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme.

Literatur: Richard Saltman, Zachary Cahn: Restructuring health systems for an era of prolonged austerity. BMJ 2013; 346

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