Medizintourismus hat Talsohle fast erreicht. Sinkende Nachfrage aus GUS- und Golfstaaten

Wie bereits im Vorjahr setzte sich der Abwärtstrend zweier wichtiger GUS-Quellmärkte fort: Russland verzeichnete einen Rückgang von rund 13 Prozent und Kasachstan von 32 Prozent. Allerdings könnte bereits 2017 die Talsohle erreicht sein und vor allem aus Russland wieder mehr Patienten in deutsche Gesundheitseinrichtungen kommen. „Rückmeldungen aus einzelnen Krankenhäusern deuten auf eine Stabilisierung der Nachfrage hin“, meint Jens Juszczak von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS). In der Ukraine kam es bereits zur Trendumkehr, hier stiegen die Patientenzahlen um fast 8 Prozent. Aufgrund der im Jahr 2017 in Kraft getretenen Visafreiheit dürfte sich dies in den Folgejahren fortsetzen.

Wie erwartet, brachen die medizinischen Behandlungsreisen aus den Golfstaaten massiv ein: Vereinigte Arabische Emirate (-8 %), Saudi-Arabien (-20 %), Katar (-13 %) und Oman
(-36 %). Neben der vorhandenen starken Volatilität der Nachfrage in diesen Märkten zeichnen ökonomische und politische Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich. Haushaltsdefizite, die Einführung der Mehrwertsteuer in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Budgetkürzungen in vielen Bereichen weisen darauf hin, dass zukünftig eher weniger finanzielle Mittel für Auslandsbehandlungen in vielen Golfstaaten zur Verfügung gestellt werden. Außenpolitische Krisen in der Golfregion und innenpolitische Strukturveränderungen, insbesondere das Vorgehen gegen Korruption und Veruntreuung in einzelnen Golfstaaten, unterstützen diese Vermutung.

Letzteres ist derzeit an Kuwait sehr gut nachvollziehbar: 2016 kamen zwar fast 13 % mehr Patienten aus dem Emirat zur Behandlung nach Deutschland, doch im vergangenen Jahr löste die Abwicklung dieser Medizinreisen einen bisher beispiellosen Skandal aus, kuwaitische Medien sprechen gar vom „größten Raub aller Zeiten“. Hunderte Millionen Euro an von Staat bewilligten Geldern für Behandlung und Aufenthalt der Patienten sind verschwunden, ins Ausland geflossen oder ohne jegliche Belege ausgezahlt worden. Eine vom Parlament eingesetzte Untersuchungskommission empfahl nach ihrer Deutschlandreise unter anderem die Begrenzung der Behandlungsreisen ins Ausland, den stetigen Einsatz von Wirtschafts- und Rechnungsprüfern sowie die Beendigung der Zusammenarbeit mit Patientendienstleistern, sogenannten Patientenvermittlern.

„Die vergleichsweise schlechte Organisation in den eigenen Konsulaten sowie die geringe Transparenz bei der Zusammenarbeit mit Dienstleistern und Kliniken führen zu einer großen Verunsicherung in den arabischen Ministerien“, so Juszczak. Klare Strukturen und Regelungen bei der Zusammenarbeit, geschultes Personal und eine stetige Kontrolle und Zertifizierung der beteiligten Akteure anhand objektiver Kriterien könnten dazu beitragen, wieder Vertrauen auf allen Seiten schaffen.

Ansprechpartner:
Jens Juszczak
Tel. 02241/865-120
E-Mail: jens.juszczak@h-brs.de

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