Medizinischer Schatz im Bauschutt

Bei Renovierungen tauchen manchmal Dinge auf, an die man sich gar nicht mehr erinnern kann oder die man meinte, schon lange entsorgt zu haben. Seltener findet man sogar Sachen, von deren Existenz man jedoch nie gewusst hat. So wie 1980 bei den Restaurierungsarbeiten am Jenaer Romantikerhaus. Damals entdeckten Arbeiter im Bauschutt ein fast 200 Jahre altes Konvolut handschriftlicher Aufzeichnungen mit überwiegend medizinhistorischem Inhalt. Zwar wurde der Bestand damals restauriert und im Stadtmuseum Jena aufbewahrt, doch erst jetzt liegt eine umfangreiche Analyse des Inhalts der Blätter in Buchform vor. Es ist als Band 19 der „Dokumentation“-Reihe des Stadtmuseums Jena erschienen und ist u. a. ein Ergebnis der Ausstellung „Schätze der Medizinischen Fakultät Jena“, die im Universitäts-Jubiläumsjahr 2008 im Stadtmuseum zu sehen war.

Im Rahmen des ehemaligen Sonderforschungsbereichs „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ (SFB 482) der Universität Jena wertete Rosemarie Nöthlich, Mitarbeiterin im Ernst-Haeckel-Haus, die Handschriften aus. Durch eine Handschriftenanalyse konnten die meisten der 140 Blätter Johann Christian Stark zugeordnet werden – neben Hufeland und Loder der wohl berühmteste Thüringer Arzt am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Wesentlichen handelt es sich bei den Schriftstücken um Geburtsberichte, allgemeinmedizinische Fallbeschreibungen, medizinische Gutachten sowie Sektionsberichte. „In der Beschäftigung mit diesen handschriftlichen Dokumenten eröffnet sich ein Blick auf die Persönlichkeit eines gewissenhaften Arztes, engagierten Geburtshelfers und prägenden Professors der Medizinischen Fakultät der Jenaer Universität am Ende des 18. Jahrhunderts“, sagt der Direktor der Universitätsfrauenklinik Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, der bei der medizinischen Auswertung des Konvoluts mit seinen Fachkenntnissen behilflich war.

Der praktische Geburtshelfer Stark erlangte vor allem Berühmtheit durch eine 1783 erfolgreich durchgeführte Kaiserschnittentbindung bei einer Hofdame in Weimar und die Herausgabe des ersten wissenschaftlichen Journals für Geburtshilfe in Deutschland. Außerdem erwarb sich der Leibarzt am Weimarer Hof – er behandelte u. a. Goethe und Schiller – Anerkennung durch die Konstruktion eines transportablen Gebärstuhles und die Verbesserung von Geburtshilfeinstrumentarien wie Entbindungszangen und einem Beckenmesser – dem „Starkschen Hebel“. „Die Handschriften sind weitere wichtige Mosaiksteine zu Starks Wirken und darüber hinaus zur medizinischen Wirklichkeit in Jena um 1800“, sagt Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach, der Sprecher des ehemaligen SFB 482 und Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses.

Auf den 140 gefundenen Blättern beschreiben der Medizinprofessor und seine Schüler u. a. Geburten im Jenaer Accouchierhaus – Stark war Unterdirektor dieser Geburtsklinik – und markieren damit den Anfangspunkt akademischer Geburtshilfe in Jena. Des Weiteren erklärt Stark den Verlauf verschiedener Krankheiten und gibt Medikationshinweise, wie diese: „Kostbare und theure Mittel sind eben keine Kunst zu verschreiben, aber wohlfeile und doch eben wirksame.“

Das Buch zu diesem ausgewerteten medizinhistorischen Schatz gibt einen interessanten Einblick in die Arbeitswirklichkeit eines Arztes dieser Zeit und ist durch die reichhaltige Illustration und das Glossar für Laien leicht verständlich.
Warum das Konvolut ausgerechnet im Romantikerhaus gefunden wurde, ist auch geklärt: Der älteste Sohn Starks wohnte hier eine Zeitlang mit seiner Familie.

Bibliographische Angaben:
Rosemarie Nöthlich: „,Geburten und Beobachtungen in dem Accouchierhauß gesamlet’“. Aufzeichnungen aus dem Besitz des Mediziners Johann Christian Stark (1753-1811).“ Stadtmuseum Jena, Jena 2010, 136 Seiten, Preis: 15,30 Euro, ISBN: 978-3-942176-12-5

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
Institut für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaft – Ernst-Haeckel-Haus der Universität Jena
Berggasse 7, 07745 Jena
Tel.: 03641 / 949500
E-Mail: Olaf.Breidbachuni-jena.de

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