Lorenz-Oken-Medaille: GDNÄ ehrt den Publizisten Prof. Gert Scobel

Er ist der 19. Träger der Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ): Gert Scobel, Fernsehmoderator, Wissenschaftsjournalist und Philosoph. Scobel erhielt die Auszeichnung von Professor Martin Lohse, Präsident der GDNÄ. Im vollbesetzten Saal entwickelte sich ein inspirierendes Gespräch über Forschung heute und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Öffentlichkeit.

Martin Lohse erinnerte an die Anfänge der GDNÄ. Lorenz Oken habe die Gesellschaft 1822 gegründet, damit Menschen, die an naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung interessiert sind, zusammenkommen und über die jeweiligen Spezialgebiete hinaus miteinander diskutieren. „Die GDNÄ steht bis heute für den übergreifenden Dialog zwischen den Wissenschaften und zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“, betonte Lohse. Gert Scobel gelinge es seit vielen Jahren, Forschung kenntnisreich und begeisternd zu vermitteln. „Damit verkörpert er in vorbildlicher Weise die Ziele unserer Gesellschaft“, sagte der GDNÄ-Präsident.

Professorin Julika Griem griff in ihrer Laudatio ein Zitat von Harald Schmidt auf. Der Satiriker hatte Scobel einmal als den „letzten Universalgelehrten des deutschen Fernsehens“ bezeichnet. Die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) betonte, dass Scobels „wissenschaftsjournalistischen Aktivitäten eine beeindruckende fachliche Bandbreite“ abdeckten. Als Theologe und Philosoph sehe er zudem die Pflicht, „gerade dort Skepsis und Zweifel zu kultivieren, wo allzu schnell naive Wahrheiten und Wahrhaftigkeitsversprechen gemacht werden“, ergänzte sie.

Lorenz-Oken-Medaille – Einer, der hohe Standards setzt

„Gert Scobel setzt in völlig unverkrampfter, aber sehr anspruchsvoller Weise auf Sprache und Diskurs“, sagte Griem. Er lasse sich nicht von populären Denkmodellen oder dem Streben nach schnellen Klicks leiten. „Seine Arbeit gründet auf einer differenzierten Kenntnis der Unterschiede zwischen Medien, Formaten und ihren Möglichkeiten, auf der sorgfältigen Beherrschung eines Handwerks, mit dem er hohe Standards setzt, Unterscheidungen vornimmt und die Pluralität unserer Wissensgesellschaft respektiert“, analysierte die Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

Julika Griem lobte Scobels oft ungewöhnliche Ansätze und zitierte aus einem aktuellen Buch des Preisträgers: „Der moderne Mensch selbst stellt das Risiko dar, das er ausschließen wollte. Es liegt daher zutiefst in der Logik der Moderne, den Menschen abzuschaffen und durch immer umfassendere Algorithmen und autonome Systeme zu ersetzen.“ In seiner natürlichen, unbearbeiteten biologischen Standardform sei der Mensch der eigentliche Feind der Moderne, die er selbst geschaffen habe, heißt es weiter in Scobels 2017 erschienenem Buch „Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne“. Nach Ansicht des Autors kämpft der Mensch gegen sich selbst, in dem er versucht, seine eigene Unberechenbarkeit durch Technologie in den Griff zu bekommen. „Das ist kein einfaches Denkprogramm“, kommentierte Griem.

In der Tradition Humboldts

Gert Scobel erinnerte in seinem Vortrag an eine Rede von Alexander von Humboldt vor der GDNÄ in Berlin im Jahr 1828. Humboldt sei in vielfacher Hinsicht ein Pionier gewesen: Er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die unermüdlich die Interdisziplinarität der Wissenschaften einforderten – und zwar in Theorie und Forschungspraxis. Humboldt habe die Wissenschaft immer als globales Netzwerk-Projekt verstanden. Zudem sei er ein Meister der Kommunikation auf verschiedenen Kanälen gewesen. Er habe durch sein Wissen und seine Fähigkeit zur Einordnung begeistert, sagte Gert Scobel.

Der Publizist warb dafür, Humboldts Ideen wieder stärker zu folgen. Es gehe erstens darum, die Komplexität der Welt, in der wir leben, zu verstehen und zweitens diese komplexe Welt durch unser Handeln gut, nachhaltig und im Idealfall sogar weise zu steuern. Scobel kritisierte, dass die Idee einer umfassenden Bildung an Universitäten noch immer nicht verwirklicht worden sei und schlug vor: „Wir sollten mehr Energie in eine Ausbildung stecken, die neben einer fundierten Fachausbildung auch Wert legt auf ein Verständnis des komplexen Ganzen.“

Eintreten für die Demokratie

In der anschließenden Diskussion wurde die zunehmende Bedeutung einer guten Wissenschaftskommunikation hervorgehoben. Nicht nur das Wissen selbst müsse thematisiert werden, sondern auch die Wirkung der Wissenschaft in die Gesellschaft hinein, hieß es auf dem Podium. Dabei gelte es Zeichen zu setzen, sagte der GDNÄ-Präsident Martin Lohse: „Aufklärung und Demokratie müssen auch heute immer wieder verteidigt werden.“ Gert Scobel machte sich stark für eine bessere Diskussionskultur: „Wir haben es verlernt, auf eine freundliche Art und Weise miteinander zu streiten.“

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