Lesen erhöht bei Lesekundigen im Gegensatz zu Analphabeten Aktivität mehrerer Gehirnregionen

Zum ersten Mal konnte ein internationales Forscherteam nachweisen, dass das Lesenlernen das Gehirn verändert. Die Studie wurde von zwei Franzosen – Stanislas Dehaene (Collège de France, CEA/Inserm Einheit, Universität Paris Sud 11 für kognitive Neurobildgebung, NeuroSpin/I2BM) und Laurent Cohen (Inserm, AP-HP, Universität Pierre et Marie Curie) – koordiniert und in der Fachzeitschrift Science online veröffentlicht. Sie spiegelt den massiven Einfluss von Bildung auf das menschliche Gehirn, insbesondere den visuellen Kortex und den für Sprache zuständigen Bereich wider.

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) die Gehirntätigkeit von mehr oder weniger alphabetisierten Erwachsenen gemessen, während sie verschiedenen Stimuli ausgesetzt waren: gelesene oder geschriebene Sätze, gelesene Wörter, Gesichter, Häuser, Objekte, etc. Die Daten gewannen die Forscher mit Hilfe von 63 Probanden, von denen 10 Analphabeten waren, 22 im Erwachsenenalter das Lesen erlernt hatten und 31 eine ganz normale Schulbildung durchlaufen haben. Die Studie wurde gleichzeitig in Portugal und Brasilien durchgeführt. Bis vor einigen Jahrzehnten kam es in diesen Ländern noch häufig vor, dass Kinder aufgrund ihres sozialen Status nicht die Schule besuchen konnten. Die portugiesischen Probanden wurden im NeuroSpin Zentrum (CEA Saclay) untersucht und die brasilianischen im Forschungszentrum für Neurowissenschaften im Sarah Lago Norte Krankenhaus in Brasilien.

Wurden den Probanden geschriebene Sätze vorgelegt, zeigten die Lesekundigen im Gegensatz zu den Analphabeten eine erhöhte Aktivität mehrerer Gehirnregionen. Die betreffenden Areale sind für die Verarbeitung visueller und sprachlicher Informationen zuständig.

Die visuellen Areale, die bei den Lesekundigen die geschriebenen Worte dekodieren, haben bei den Analphabeten eine ähnliche Funktion: die visuelle Erkennung von Objekten und Gesichtern. Der visuelle Kortex organisiert sich teilweise neu, wobei die Worterkennung in Konkurrenz zu anderen Leistungen des visuellen Kortex – der Gesichter- und Objekt-Erkennung – tritt. Gehirne besonders flüssig Lesender brauchen für die Gesichtserkennung nur einen geringen Aufwand.

Die meisten Auswirkungen des Lesenlernens auf den Kortex sind bei den Probanden, die eine ganz normale Schulbildung durchlaufen haben, die gleichen wie bei den Probanden, die erst als Erwachsene das Lesen erlernt haben. Das Gehirn ist also plastisch genug, dass auch das Lesenlernen im Erwachsenenalter noch zu ähnlichen Ergebnissen führt wie in der gewöhnlichen Schulzeit. (Der vollständige Artikel ist publiziert in Science, online; 11.11.2010)

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