Lebensstil und Kopfschmerzen: Direkter Zusammenhang – Interview zum Dt. Kopfschmerztag 5. September

Frage: Etwa fünf Prozent der Deutschen leiden unter täglichen Kopfschmerzen,
70 Prozent haben chronisch wiederkehrende oder anfallsartige Kopfschmerzen.
Gibt es bestimmte Lebensgewohnheiten, die den Kopfschmerz fördern?

Dr. Förderreuther: Ja, dazu ist gerade eine Veröffentlichung in der
renommierten Zeitschrift "Neurology" erschienen. Über 5.800 norwegische
Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren wurden zu ihrem Lebensstil
und dem Auftreten von Kopfschmerzen befragt. Es zeigte sich, dass
wiederkehrende Kopfschmerzen signifikant häufiger mit Übergewicht, geringen
sportlichen Aktivitäten und Rauchen assoziiert waren. In einer etwas
kleineren Erhebung aus Deutschland, an 1.260 Gymnasiasten der 10. und 11.
Klasse, wurden vergleichbare Ergebnisse gezeigt: Das häufige Konsumieren von
alkoholischen Getränken und Kaffee, Rauchen und wenige körperliche
Aktivitäten standen signifikant mit dem Auftreten von Migräne und
Spannungskopfschmerzen in Zusammenhang. Migräne und Spannungskopfschmerzen
können zwar schon im Kindesalter auftreten, aber bei den meisten Patienten
beginnen sie erst nach der Pubertät. Durch eine gesunde Lebensweise kann man
offenbar durchaus Einfluss auf diese Kopfschmerzen nehmen. Die genetische
Vorbelastung spielt zwar sicher mit eine Rolle, aber sie ist eben nicht der
einzige Faktor. Da wir die genetischen Faktoren nicht beeinflussen können,
ist es besonders wichtig, sich auf solche Dinge zu konzentrieren. Je früher
wir Kopfschmerzen gezielt behandeln – also gerade schon bei den
Jugendlichen – umso geringer sind die Risiken für eine spätere
Chronifizierung.

Frage: Kann man Kopfschmerzen überhaupt vorbeugen?

Dr. Förderreuther: In einem gewissen Maß kann man natürlich vorbeugen. Die
meisten Menschen können sehr gut erkennen, dass es Auslöser gibt, die man
beeinflussen kann. Dazu gehören in erster Linie beruflicher und privater
Stress. Die beruflichen Anforderungen werden immer höher. Viele meiner
Patienten erzählen, dass in ihrer Abteilung Personal gespart wurde, dass sie
jetzt noch mehr Aufgaben zu erledigen haben und nicht mehr wissen, wie sie
ihr Pensum erledigen sollen. Im Nacken sitzt dann oft die Angst um den
Arbeitsplatz – da ist es dann natürlich nicht leicht, eine Änderung
herbeizuführen.

Zu den Auslösern gehören aber auch Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf wie das
Weglassen einer Mahlzeit, zu wenig Flüssigkeitszufuhr, aber auch zu viel
oder zu wenig Schlaf. Bei Menschen, die in der Woche immer früh aufstehen
und am Wochenende regelmäßig Kopfschmerzen bekommen, kann es schon helfen,
am Wochenende den Wecker zur gewohnten Zeit läuten lassen und kurz wach zu
werden. Danach können sie weiterschlafen und ersparen sich so vielleicht den
einen oder anderen Kopfschmerztag. Bewegungsmangel, zuviel Alkohol, alles
das sind Faktoren, die man angehen kann. Oft hilft es, einmal einen
Kopfschmerzkalender zu führen, um Auslöser zu erkennen. Was viele Patienten
nicht wissen ist, dass die häufige und übermäßige Einnahme von
Schmerzmitteln im Endeffekt Kopfschmerzen chronifiziert.

Frage: Ist die regelmäßige medikamentöse Behandlung von Kopfschmerzen
sinnvoll?

Dr. Förderreuther: Bei jeder Kopfschmerztherapie ist es wichtig, zwischen
der Akutbehandlung der Kopfschmerzen und der vorbeugenden Therapie zu
unterscheiden. Die Akuttherapie ist wichtig, um den akuten Schmerz zu
lindern. Ein Problem ist, dass alle Substanzen, die man zur Behandlung von
Kopfschmerzen einsetzen kann, bei Kopfschmerzpatienten zur Entwicklung eines
Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes führen können. Das passiert immer
dann, wenn Schmerzmittel immer häufiger und in immer höheren Dosierungen,
schließlich sogar schon prophylaktisch genommen werden. Besonders gefährlich
sind spezifische Migränemedikamente, die sogenannten Triptane. Werden sie
über Monate an mehr als zehn Tagen im Monat genommen, führt dies bereits zu
einer Zunahme der Migräneattacken. Einzige Rettung aus diesem Teufelskreis
ist dann ein regelrechter Medikamentenentzug. Viel besser ist es, es gar
nicht erst so weit kommen zu lassen. In der vorbeugenden Kopfschmerztherapie
kennen wir nicht medikamentöse Maßnahmen – die vielen Patienten allerdings
zu aufwendig sind. Oft ist es schwer die Patienten dazu zu motivieren:
Erlernen von Entspannungstechniken und deren regelmäßige Anwendung,
regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Radfahren, Schwimmen dreimal die
Woche über mindestens eine halbe Stunde oder aber auch
verhaltenstherapeutisch orientierte Verfahren wie das Erlernen von
Stressbewältigungsstrategien.

Wenn dies nicht reicht oder nicht realisiert wird, kommen meist Medikamente
zur Prophylaxe ins Spiel. Ziel einer medikamentösen Prophylaxe ist es, die
Frequenz mit der Kopfschmerzen auftreten zu reduzieren und die Kopfschmerzen
selbst etwas zu mildern. Eine "Heilung" kann in aller Regel nicht erreicht
werden. Entscheidet sich ein Patient für eine medikamentöse Prophylaxe, dann
stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung. Allen gemeinsam ist, dass sie
nicht vom ersten Tag an wirken. Erst nach sechs bis acht Wochen kann der
Effekt beurteilt werden. Wirkt eine Substanz, behandelt man in aller Regel
für weitere sechs bis neun Monate und prüft dann, ob es auch wieder ohne
Prophylaxe geht. Eine Prophylaxe ist also keine Therapie, die dann
lebenslang durchgeführt werden muss.

Frage: Welche Hilfestellung bietet die DMKG?

Dr. Förderreuther: Die DMKG hat Leitlinien für die Behandlung von
Kopfschmerzen erarbeitet, die den aktuellen wissenschaftlichen Stand der
Therapie zusammenfassen. Auf den Internetseiten der DMKG www.dmkg.de können
diese Leitlinien zur Migränetherapie, zum Spannungskopfschmerz und anderen
Kopf- und Gesichtsschmerzen heruntergeladen werden. Für die Patienten ist
die Leitlinie zur Selbstmedikation am interessantesten. Die Patienten können
auf unseren Seiten auch Kopfschmerzkalender herunterladen und geordnet nach
Postleitzahlen Kopfschmerzexperten in ihrer Nähe finden. Jeder, der häufig
mit Kopfschmerzen zu tun hat, sollte sich einmal untersuchen und beraten
lassen. Nur mit der richtigen Diagnose kommt man auch zu richtigen Therapie.
Patienten finden auch aktuelle Presseerklärungen unserer Fachgesellschaft zu
Themen auf dem Gebiet der Kopfschmerzen.

Anprechpartnerin:

Generalsekretärin und Pressesprecherin DMKG e.V.
Privatdozentin Dr. med Stefanie Förderreuther
Neurologische Klinik der Universität München
Konsiliardienst am Standort Innenstadt
Ziemssenstr. 1
Telefon +49 89 5160 23 07
Telefax +49 89 5160 4915
E-Mail dmkg@med.uni-muenchen.de
(idw, 08/2010)

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