Lebenslanges Lernen an Hochschulen

Hierzu gehörte in der Zeit von Oktober bis Dezember 2017 die Durchführung einer Fragebogenstudie an drei niedersächsischen Hochschulen, an der 111 Studierende von berufsbegleitenden pflegewissenschaftlichen Studiengängen teilgenommen haben. Das ergab einen Rücklauf von 100 Prozent. Zugleich nahmen 15 Studierende an insgesamt vier Fokusgruppeninterviews teil, die dem Projektteam einen idealen Tiefenschnitt erlaubte.

Das Ziel der Forschungsmaßnahmen bildete die Identifizierung von Themen, die für das geplante Trainingsprogramm an der Ostfalia Hochschule im Sommer dieses Jahres von großer Bedeutung sind.
Vor dem Hintergrund der sich seit Jahren abzeichnenden und nun eskalierenden Verschlechterung der Beschäftigungs- und Betreuungssituation in Einrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegeheimen oder ambulanten Pflegediensten gewinnen die Erkenntnisse aus dem Projekt an Brisanz.

Die Studierendenschaft zeichnet sich durch eine große Heterogenität aus, da sie sich aus berufserfahrenen und weniger berufserfahrenen Pflegenden zusammensetzt. Gleichwohl überwiegt der weibliche Anteil (76 Prozent) gegenüber dem männlichen Anteil (24 Prozent) an der Studierendenschaft. Die Doppelbelastung eines berufsbegleitenden Studiums nehmen im Kontext der Pflegeberufe damit hauptsächlich Frauen auf sich. Ein weiterer Aspekt, der die Heterogenität der befragten Studierenden verdeutlicht, bildet die Studienmotivation: Während berufserfahrene Studierende eine klare Vorstellung von ihren beruflichen Perspektiven haben, bestehen bei weniger berufserfahrenen Studierenden wenig konkrete Vorstellungen. Ebenso zeigt sich die Heterogenität in der Gewichtung des Motivs aus der direkten Pflege auszusteigen: Dieses ist bei den jüngeren Studierenden bedeutsamer gewesen als bei den älteren berufserfahrenen Studierenden. Hinzugefügt werden muss, dass damit nicht allein Vorstellungen von einem Aufstieg in der Hierarchie verbunden gewesen sind, sondern auch auf eine inhaltlich befriedigendere Arbeit in der Pflege abzielten. Alle Studierenden, ob jüngere oder ältere, wollen zudem mehr Handlungsmacht durch das Studium erreichen und endlich als Expert*innen wahrgenommen werden.

Berufserfahrene Studierende, die meist auch über eine Weiterbildung sowie eine Führungsposition im jeweiligen Betrieb einnehmen, verfügen über die meisten Ressourcen für ein gelingendes Studium. So können berufserfahrene Studierende, trotz der immer noch fehlenden Etablierung von Stellen für akademisch gebildete Pflegekräfte, ihr Tätigkeitsgebiet zielgenauer erschließen. Sie verfügen bei ihren Arbeitgebern und dem Kolleginnenkreis über ein höheres Ansehen. Gewissermaßen weist dieser Befund auf das Matthäus-Prinzip hin, denn „Wer hat dem wird gegeben.“

Im Gegensatz hierzu zeigt sich bei der Mehrzahl der Studierenden, die jünger sind und über weniger Berufserfahrung verfügen, eine hohe Risikobereitschaft und zugleich bei nicht wenigen eine ausgeprägte Vulnerabilität. Die Risikobereitschaft ergibt sich aus dem Fehlen einer unmittelbar an dem Studium anschließenden beruflichen Verwertbarkeit der akademischen Qualifikation, für die die Arbeitgeberseite verantwortlich gemacht werden kann. Zumal die Daten die Vermutung untermauern, dass der Versuch dieser jüngeren Studierenden als „Berufsflucht“ aufgefasst und infolgedessen in der Arbeitsumgebung von Kolleginnen und Vorgesetzten negativ sanktioniert wird. Auch wenn diese Studierenden formal im Studium gut zurechtkommen, haben sie das Gefühl sich auf dem Weg ins „Nirgendwo“ zu befinden. Aus diesen Gründen ist es für diese Zielgruppe erforderlich sie für die Ambivalenzen des Pflegestudiums zu sensibilisieren und für die damit verbundenen – unter Umständen auch (ehr-)verletzenden – Herausforderungen gewappnet zu sein.

Insgesamt zeigt sich, dass in diesem Projekt Erosionserscheinungen in der beruflichen Pflege zutage treten. Gerade auf Seiten der Arbeitgeber sollten daher die Bildungs- und Spezialisierungswilligen unter den jüngeren Pflegekräften Unterstützung erhalten. Ohne entsprechende Angebote kann davon ausgegangen werden, dass der berufliche Nachwuchs in nachvollziehbarer Weise zu einem noch früheren Zeitpunkt aus dem Pflegeberuf aussteigen wird. Die Aussagen aus der Studie verdeutlichen zudem den großen Bedarf der teilnehmenden Studierenden nach einer inhaltlich befriedigenderen Arbeit. Ein Aspekt, der auch mit einer Höherbezahlung und damit Anerkennung der mit einem Einkommensverzicht einhergehenden Bildungsanstrengung einhergehen muss.

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