Kongresspräsidenten-Interview: Deutschlandweit größter Fachkongress zu Hygiene und Mikrobiologie

Die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Dr. h. c. Helge Karch, Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster und Prof. Dr. med. Georg Peters, Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, geben erste Einblicke zu Tagungsschwerpunkten und Highlights.

KA: Bei der DGHM-Tagung in Münster werden aktuelle Forschungsergebnisse aus allen Gebieten von Mikrobiologie, Hygiene und Infektionskrankheiten vorgestellt. Welche Schwerpunkte sind gesetzt?

Prof. Karch, Prof. Peters: „Wie nationale und internationale Entwicklungen zeigen, werden Infektionskrankheiten, ihre Erkennung, Therapie und Prävention immer wichtiger. Besondere Aufmerksamkeit haben dabei in der Öffentlichkeit Tier- und Lebensmittelassoziierte Infektionen, eingeschlossen Ausbrüche von lebensbedrohlichen Viruserkrankungen und die bedrohliche Ausbreitung von multiresistenten Bakterien sowie die dringende Notwendigkeit nach neuen Strategien zur Behandlung und Prevention der dadurch bedingten Infektionen erhalten. Genau diesen drängenden Fragen widmen sich die Schwerpunkte der Tagung. Das Spektrum reicht hierbei von der Grundlagenforschung – z. B. zur Krankheitsentstehung -, bis hin zur klinischen Anwendung.“

KA: Die Themenvielfalt des wissenschaftlichen Programms zeigt die rasante Entwicklung der Mikrobiologie und den hohen Stellenwert der Hygiene für die Infektionsmedizin in den Bereichen der Infektionsprävention, der Infektionsdiagnostik und für die Sicherung des öffentlichen Gesundheitssystems. Können hier besondere Themen genannt werden?

Prof. Karch, Prof. Peters: „Neue Grundlagenerkenntnisse zur schnellen Diagnostik und Aufklärung von Ausbrüchen, z. B. durch multiresistente Erreger, aber auch darauf fußende neue Strategien zur Intervention werden in mehreren Sitzungen vorgestellt und diskutiert. Dabei werden auch politische Aspekte angesprochen, z. B. zu den strukturellen Bedingungen für eine erfolgreiche Infektionsprävention in Krankenhäusern, zu den notwendigen Personalresourcen (Hygienefachkräfte, Krankenhaushygieniker) aber auch zu der zunehmend wichtigen Rolle des ÖGD in diesem Kontext.“

KA: Im Bereich der Infektion wird das sogenannte „Next-Generation Sequencing“ (NGS) zur mikrobiellen genomischen Überwachung präsentiert. Was sind die Vorteile dieser „Technologie für Alles“?

Prof. Karch, Prof. Peters: „Diese NGS-Technologie hat zwei große Vorteile gegenüber der herkömmlichen Diagnostik: erstens ist sie universell, d.h. unabhängig vom nachgewiesenen Erreger kann sie entsprechende Ergebnisse liefern, was mit der bisherigen Technologie nicht oder nur sehr begrenzt möglich war. Zweitens erreicht die NGS ein Auflösungsvermögen, welches die exakte Darstellung der Erregerepidemiologie ermöglicht. Im Krankenhausalltag, wo immer wieder die Frage gestellt wird, ob ein Erreger von einem Patienten auf einen anderen übertragen wurde oder nicht, bedeutet dies konkret, dass mit der NGS diese Frage sicher beantwortet werden kann. Bereits heute hat die NGS verschiedene Bereiche der Krankenhaushygiene und mikrobiologischen Diagnostik revolutioniert, was im Rahmen dieser DGHM an vielen Beispielen deutlich wird.“

KA: Gibt es auch Neuigkeiten von Seiten des Patienten, dem Ziel mikrobieller Erreger?

Prof. Karch, Prof. Peters: „In der Tat werden in diesem Jahr Ergebnisse vorgestellt, die zeigen, dass der Immunantwort des Patienten eine entscheidende Rolle für den Verlauf von Infektionen zukommt. Hierbei reagieren die Abwehrzellen des Körpers nicht nur auf Bestandteile von Erregern über spezielle Erkennungsstrukturen (Toll-like-Rezeptoren), sondern sie benutzen diese gleichen ‚Rezeptoren‘ auch zur Wahrnehmung körpereigener Gefahrensignale. Nur eine geordnete Entzündungsantwort auf die äußeren wir inneren Gefahrensignale garantiert eine effektive Antwort auf infektiöse Erreger.“

KA: Ein wichtiger Tagungsschwerpunkt sind Zoonosen. Welche neuen Erkenntnisse gibt es bei diesen von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbaren Infektionskrankheiten durch Viren, Bakterien, Parasiten? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Begriff „One-Health“?

Prof. Karch, Prof. Peters: „Die jüngste Vergangenheit mit Krankheitsausbrüchen durch Lebensmittel- oder Tierhaltungsassoziierte bakterielle Erreger (EHEC, LA-MRSA) oder virale Pathogene wie MERS oder Ebola haben uns eindrücklich die Gefahr von zoonotisch übertragbaren Krankheiten vor Augen geführt. Fast alle neu auftretenden infektiösen Krankheiten sind zurückzuführen auf einen vermehrten Kontakt zwischen Mensch und Tier, auf die Intensivierung der Lebensmittelproduktion sowie auf die Zunahme des internationalen Verkehrs.
Für wirksame Interventionsmechanismen und ein integratives, nachhaltiges Gesundheitsmanage-ment braucht es deshalb einen ganzheitlichen, disziplinenübergreifenden „One Health“-Ansatz, der die systemischen Zusammenhänge von Mensch, Tier und Umwelt und Gesundheit anerkennt. Gerade in Deutschland wurde in den letzten Jahren durch Förderung des Bundes einiges an Netzwerkarbeit zu Zoonosen geleistet. Der Forschungsverbund FBI-Zoo zu lebensmittelassoziierten bakteriellen Erkrankungen, das FluResearchNet, ein nationales Forschungsnetzwerk zur zoonotischen Influenza oder die Nationale Forschungsplattfom für Zoonosen sind nur einige Beispiele von erfolgreichen interdisziplinären Netzwerkaktivitäten, deren Ergebnisse auf der Konferenz präsentiert werden.“

KA: Welche neuen Strategien gegen Krankenhausinfektionen werden vorgestellt, um die Bedrohung durch multiresistente Erreger zu verringern? Gibt es neue Entwicklungen, die angesichts der komplexen Antibiotikaresistenzen schon umgesetzt werden können?

Prof. Karch, Prof. Peters: „Eine Möglichkeit der alternativen Therapie und Prävention könnte die lokale Anwendung von Bakteriophagen sein. Das sind spezialisierte Viren, die nur Bakterien als Wirt befallen und dafür Substanzen bilden, die sich spezifisch an bestimmte Bakterienarten oder -stämme anlagern und diese in kürzester Zeit (Minuten) abtöten (Lysine). In einem vom DZIF-geförderten Projekt in Münster und Tübingen wurden zusammen mit der Firma Hyglos, Bernried derartige Lysine hergestellt, charakterisiert und so modifiziert, dass sie bezüglich ihrer keimtötenden Wirkung und ihrer Eigenschaften als zukünftiges Arzneimittel stabil und erregergezielt wirken können. Ihre hochspezifische und extrem schnelle Wirkung mindert den Selektionsdruck und vermeidet die Entstehung von Resistenzen. Erste klinische Studien zur Anwendung als Mittel zur nasalen MRSA-Eliminierung sind in naher Zukunft geplant. Vorstudien hierzu haben die Mikrobiota, d.h. die komplette Zusammensetzung der Bakterienflora der verschiedenen Abschnitte der Nase bei gesunden Personen und Patienten bestimmt.“

Wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview!

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Pressekontakt:
Kerstin Aldenhoff
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