Multiple Sklerose beeinträchtigt die kognitive Leistungsfähigkeit im Verlauf der MS

Kognitive Leistungsfähigkeit bei MS – Der Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit stellt eine der therapeutischen Herausforderungen bei der Multiplen Sklerose dar. Dies erklärt, warum die Kognition derzeit zunehmend in den Fokus der MS-Forschung und der MS-Therapie rückt, zumal es erste Untersuchungen gibt, die entsprechende Effekte bei der Behandlung mit DiseaseModyfying Drugs (DMD) dokumentieren.

"Kognition" – die Leistung unseres Gehirns Informationen schnell zu verarbeiten
Der Begriff der "Kognition" beschreibt die Leistung unseres Gehirns, in einer gewissen Geschwindigkeit Informationen zu verarbeiten. Zur Kognition gehören ferner komplexe Funktionen wie die Merkfähigkeit, das Gedächtnis sowie die Fähigkeiten, Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, mit einer gewissen planenden Kontrolle den Informationsfluss zu steuern und dabei Zeiten einzuhalten. Diese verschiedenen Leistungsbereiche der Kognition sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich gut ausgeprägt. So gibt es Menschen, die sich sehr gut Gesichter oder Zahlen merken können, während andere besonders gut Kopfrechnen oder rasch Gedichte auswendig lernen können, aber möglicherweise Schwierigkeiten haben, Handlungen zu planen.

Kognitive Leistungsfähigkeit und krankhafte Störungen der Kognition abgrenzen
Nach PD Dr. med. Michael Haupts, Chefarzt der Klinik für Neurologie
am Augustahospital in Isselburg, sind von der normalen Spielbreite der kognitiven Leistungsfähigkeit krankhafte Störungen der Kognition abzugrenzen. Es kann sich hierbei um offen zutage tretende Defizite handeln wie etwa bei der Demenz. Andererseits können, wie es bei der Multiplen Sklerose der Fall ist, im Zusammenhang mit Erkrankungen auch subtile Störungen auftreten, die sich im Alltag oft nicht direkt zu erkennen geben.

Zum Thema "MS Therapie heute und morgen meistern" referierten (v.l.n.r.) PD Dr. med. Michael Haupts, Prof. Dr. med. Peter Rieckmann, Prof. Dr. med. Heinz Wiendl, Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung und PD Dr. med. Andrew Chan (nicht im Bild) (Bildquelle: J. Wolff, MEDIZIN ASPEKTE)

So haben Patienten mit MS nicht selten Schwierigkeiten, wenn ein besonders schneller Informationsfluss gefragt ist und wenn die Merkfähigkeit stark beansprucht wird, wie es heutzutage im Zeitalter des „Multitasking" im beruflichen, aber auch im privaten und sozialen Umfeld oft der Fall ist. Menschen mit MS haben daher in Lebensbereichen, in denen eine rasche Informationsverarbeitung gefragt ist, häufiger Probleme als Menschen ohne MS.

Diskrete Störungen der Kognition: Rund jeder zweite MS-Patient ist betroffen
Bei entsprechender Untersuchung sind bei mehr als 20 Prozent der MS-Patienten bereits im Frühstadium der Erkrankung in bestimmten Domänen der Kognition wie der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis und der planenden Handlungskontrolle diskrete Störungen nachweisbar, fasst PD Dr. Haupts zusammen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung sind etwa 50 Prozent der Patienten betroffen. Sie leiden nicht unter auffälligen Defiziten, wie es bei der Demenz der Fall ist, durchaus aber unter Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit, die insbesondere dann auftreten, wenn die Belastung zunimmt, Stresskomponenten zum Tragen kommen und wenn ein rascher Informationsfluss gefordert ist.

In einer Informationsgesellschaft, in der Medienvielfalt überall präsent ist, das Surfen im Internet zur Selbstverständlichkeit gehört und Calicenter und Code-Wörter den Alltag mitregieren, kann das für die Betroffenen zu einer erheblichen Belastung werden. Besonders schmerzlich können sich Beeinträchtigungen im beruflichen Umfeld bemerkbar machen, wenn zum Beispiel infolge der Störungen der Kognition die Berufswahl eingeschränkt ist oder Aufstiegschancen nicht mehr realisiert werden können. Doch auch im privaten und im sozialen Umfeld kann es Schwierigkeiten geben, wenn die Merkfähigkeit und die Aufmerksamkeitsdauer beeinträchtigt und die kognitiven Reserven begrenzt sind. Auch diskrete Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit können auf Dauer erhebliche Probleme in Beruf und Familie nach sich ziehen, die Lebensqualität massiv beeinträchtigen und einem sozialen Rückzug den Weg bahnen.

Erhalt der Kognition – eine therapeutische Herausforderung bei der MS
Der Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit stellt daher für PD Dr. Haupts eine der therapeutischen Herausforderungen bei der Multiplen Sklerose dar. Dies erklärt, warum die Kognition derzeit zunehmend in den Fokus der MS-Forschung und der MS-Therapie rückt, zumal es erste Untersuchungen gibt, die entsprechende Effekte bei der Behandlung mit Disease-Modyfying Drugs (DMD) wie dem Interferon beta 1-b dokumentieren.

Es wurde zum Beispiel in der BENEFIT-Studie (BEtaferon®/Betaseron® in Newly Emerging Multiple Scierosis For initial Treatment) gezeigt, dass durch eine frühzeitige Behandlung mit Interferon beta 1-b im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren einerseits die Entwicklung weiterer aktiver Krankheitsschübe und MS-typischer Krankheitsaktivität gegenüber einer verzögerten Behandlung signifikant verhindert werden kann. Andererseits belegt die Studie auch, dass die anhand des PASAT (Paced Auditory Serial Addition Test) zu erfassenden kognitiven Leistungsbereiche durch die Frühtherapie im Vergleich zu einer verzögerten Behandlung über einen Zeitraum von fünf Jahren besser erhalten bleiben.

Dieser Befund ist als ein wichtiges Signal zu verstehen, bei der MS die Chancen der Frühtherapie mit Interferon beta-1b zu nutzen. Insbesondere bedeutet dies bei einer Erkrankung mit einem anfangs für Arzt und Patient schwer abschätzbaren Verlauf die Schubrate zu reduzieren, aber auch, die Chancen auf den Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit zu erhalten. Die Ergebnisse der BENEFIT-Studie werfen somit ein neues Licht auf die Kognition. Denn für die Behandelnden bedeutet dies, dass sie auch auf der kognitiven Ebene der Erkrankung therapeutisch offenbar längst nicht so hilflos dastehen, wie lange Zeit angenommen.

Multiple Sklerose – Prototyp einer entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems
Die Multiple Sklerose gilt nach Professor Dr. Heinz Wiendl, Leiter der Klinischen Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie und Leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Münster, als Prototyp einer entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Bei der Behandlung setzen die Mediziner auf Immunmodulatoren, wobei nach Wiendl Interferon beta-1b Mittel der Wahl für verschiedene Krankheitsformen wie die schubfönmig-remittierende MS, die sekundär-progrediente MS und auch das Klinisch Isolierte Syndrom (CIS) ist. Einer der derzeitigen Forschungsschwerpunkte ist nach Darstellung des Mediziners die Suche nach Biomarkern, mit deren Hilfe sich das Ansprechen der Patienten auf die Therapie vorhersagen lässt und eine weitgehend individuelle Therapie von Patientengruppen möglich wird.
(Haupts/Wiendl/MEDIZIN ASPEKTE 09/2010)

Quelle
Symposium
MS Therapie heute und morgen meistern
Veranstalter: Bayer Vital GmbH
Mannheim 23.09.2010

  • Leitung
    Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung
    Medizinische Fakultät der
    Heinrich Heine Universität Düsseldorf

  • Prädiktion der MS Therapie – Modell mit Zukunft
    Prof. Dr. med. Heinz Wiendl
    Klinik und Poliklinik für Neurologie
    Universitätsklinikum Münster

  • Neuroprotektion in der MS Therapie – neues Konzept
    mit klinischer Evidenz
    Prof. Dr. med. Peter Rieckmann
    Neurologische Klinik
    Sozialstiftung Bamberg

  • Kognition im neuen Licht
    PD Dr. med. Michael Haupts
    Klinik für Neurologie
    Augustahospital Anholt GmbH
    Isselburg

  • PD Dr. med. Andrew Chan
    Kurs halten bei der Basistherapie:
    Etablierte Evidenz versus Hoffnungen und Risiken
    Neurologische Klinik
    St. Josef Hospital
    Bochum
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