„KNOWLEDGE TRANSLATION“ – DIE SCHWIERIGE ÜBERSETZUNG VON WISSENSCHAFT IN GESUNDHEITSPOLITIK

„Es besteht eine große Kluft zwischen dem, was Wissenschaftler/-innen herausfinden, und dem, was die Gesundheitspolitik davon tatsächlich aufgreift. Oft ist die Umsetzung vom Zufall abhängig. Das hat einen hohen Preis, denn der so genannte ‚know-do-gap‘ ist einer der Hauptgründe, warum Gesundheitssysteme nicht weitaus besser sind“, kritisierte Tanja Kuchenmüller, Koordinatorin des EVIPnet der WHO (Regional Office for Europe), heute beim European Health Forum Gastein (EHFG). Die Expertin plädierte für ein gezieltes Engagement in dem gesamten Spektrum von Aktivitäten, die unter dem Sammelbegriff „Knowledge Translation“ zusammengefasst werden, und im Rahmen von Gesundheit 2020, dem neuen Rahmenkonzept für Gesundheitspolitik. Damit soll Wissen planvoll nutzbar gemacht und so die Gesundheitsversorgung besser und zugleich effizienter gestaltet werden.

„Resiliente und innovative Gesundheitssysteme in Europa“ ist das Motto des diesjährigen EHFG. Mehr als 550 Teilnehmer/-innen aus rund 45 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme.

Vom Elfenbeinturm in die Praxis

Das EVIPNet (Evidence-informed Policy Network) Europe der WHO setzt in diese Richtung wichtige Impulse: „Wir fördern, dass Teams aus politischen Entscheidungsträgern/-innen, Forschern/-innen, Beschäftigten im Gesundheitswesen und Vertretern/-innen der Zivilgesellschaft gemeinsam den Zugang zu und die Nutzung von wissenschaftlicher Evidenz fördern, um die Performance der Gesundheitssysteme zu stärken. Die Netzwerke auf Länderebene sind Teil des umfassenderen EVIP-Net Europe, das auf regionaler und globaler Ebene von der WHO koordiniert wird“, erklärte Kuchenmüller. „Damit können Forschungsergebnisse aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft in die Praxis des Gesundheitssystems gebracht werden. Die ‚Übersetzung von Wissen‘ spielt sich innerhalb eines komplexen Systems von beständiger Interaktion ab“.

Fördernde und hemmende Faktoren

Eruiert wurde von den Mitgliedern von EVIPN-Net Europe inzwischen, welche Faktoren den „Knowledge Translation“-Prozess beeinflussen. Die Ergebnisse wurden kürzlich durch eine Studie bestätigt, in der mehr als 2.000 Interviews mit gesundheitspolitischen Entscheidungsträger/-innen ausgewertet wurden. „Als hilfreich wurden genannt: persönliche Kontakte zwischen Wissenschaftler/-innen und Gesundheitspolitiker/-innen, zeitnahe Relevanz der Forschung und das Einbeziehen von zusammengefassten Forschungsergebnisse in die politischen Empfehlungen der Wissenschaft an die Politik. Als größte Hindernisse hingegen gelten: fehlende zwischenmenschliche Beziehungen, verzögerte oder irrelevante Forschung, gegenseitiges Misstrauen von Wissenschaft und Politik sowie – wenig überraschend – Streit um das Budget“, berichtete Tanja Kuchenmüller.

Praxisbeispiel Projekt „PAIN OUT“

Einen themenspezifischen Zugang verfolgt PAIN-OUT (Improvement in postoperative PAIN OUTcome), ein Projekt zur Optimierung der Behandlung postoperativer Schmerzen, das von den Schmerzmedizinern/-innen des Universitätsklinikums Jena gemeinsam mit 17 Kooperationspartnern aus neun Ländern betrieben wird. „Unser wichtigstes Ziel ist es, ein umfassendes Schmerz-Register zu erstellen, das Informationen zu Operation, Anästhesie, Schmerztherapie und Nebenerkrankungen enthält und die Realität der Schmerz-Versorgung genauer abbildet. Forschung und alltägliche Krankenhauspraxis rücken damit enger zusammen“, erklärte Projektleiter Prof. Dr. Winfried Meißner. Ganz groß wird dabei die Patienten/-innen-Perspektive geschrieben, denn diese wurde bisher in medizinischen Registern kaum berücksichtigt. Erfasst wird etwa, wie die Betroffenen Qualität oder auch Nebenwirkungen der Schmerztherapie einschätzen. „Wir gewinnen damit wertvolle Informationen, denn die Bedingungen, mit denen sich Patienten/-innen in der ‚realen‘ Welt auseinandersetzen müssen, sind vielfältiger und komplexer als jene, die im Zuge von Studien untersucht werden“, so Prof. Meißner. Daher könnten die Ergebnisse randomisierter, kontrollierter Studien häufig nicht in die klinische Praxis übertragen werden. „Das ist eines der Haupthindernisse für die Überführung von wissenschaftlichem Wissen in den Krankenhausalltag“, so der Experte.

„Knowledge Translation“ aus der Praxis zur Forschung und retour

„Knowledge Translation“ im PAIN OUT-Projekt wird dadurch gefördert, dass evidenzbasierte Informationen durch Daten aus dem Behandlungsalltag zu postoperativen Schmerzen ergänzt werden, um Krankenhäusern, Ärzten/-innen sowie Pflegekräften die Therapieerfolge zu melden. Durch das Feedback der Patienten/-innen können Defizite in bestimmten Bereichen besser erkannt und Verbesserungen vorgenommen werden. Bisher wurden Daten von 35.000 Patient/-innen gesammelt, mehr als 60 Kliniken von allen Kontinenten haben sich dem Projekt angeschlossen.

EHFG Pressebüro
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