Kleine Kunstwerke kopieren Krankheiten

Jena (05.10.10) Großflächiger Ausschlag: Masern. Gerötete, einzelstehende Flecken: Röteln. Rote Punkte, die zu Bläschen werden: Windpocken. Für Medizinstudenten ist es heute einfach, solche Krankheitssymptome auseinander zu halten, denn ihnen steht genügend bildliches Informationsmaterial – ob in Büchern oder im Internet – zur Verfügung. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das erheblich schwieriger. Um trotzdem mit natürlichen Abbildungen lehren und lernen zu können, stellten Mediziner wächserne Abformungen von kranken Körperteilen – Moulagen genannt – her.

Eine Sammlung solcher Seuchenschablonen hat die Friedrich-Schiller-Universität Jena heute (5.10.) von ihrem Lehrstuhlinhaber für Virologie und Antivirale Therapie Prof. Dr. Peter Wutzler geschenkt bekommen. „Wir sind sehr froh und dankbar, unsere umfangreichen Sammlungen mit diesen 32 exotischen Stücken erweitern zu können“, erklärt Dr. Tilde Bayer, Sammlungsbeauftragte der Universität Jena. „Schließlich ist Jena eine Geburtsstadt der Moulagenkunst. Einige kann man bereits in der Anatomischen Sammlung sehen.“ Zwar gab es anatomische Abformungen bereits vorher, aber erst Ende des 18. Jahrhunderts stellte Franz Heinrich Martens (1778-1805) in Jena kranke Körperteile aus Wachs her, um eine bessere Lehre an der Universität zu ermöglichen. Gleiches passierte zu jener Zeit unabhängig voneinander in London und Wien.

Die Moulagen Prof. Wutzlers sind weitaus jünger. Sie wurden in den 1950er Jahren im Deutschen Hygiene-Museum Dresden gefertigt. „Inzwischen sind die kleinen Kunstwerke einiges wert“, informiert Tilde Bayer. „Bis zu tausend Euro pro Stück.“ Doch es ist vor allem der wissenschaftlich-historische Wert, der die neue Sammlung für die Jenaer Universität so attraktiv macht. Unter den Abformungen befinden sich ganze Kindergesichter mit Ausschlag oder auch ein Fuß mit einer Pestbeule. Besonders wichtig ist die naturgetreue Farbgebung, denn durch sie gibt das Wachsmodell einen unmittelbaren Eindruck der Krankheitssymptome. Nicht zuletzt deswegen werden sie zunehmend wieder in der Lehre eingesetzt, zeigen sie doch manchmal sogar Krankheiten, die es so heute gar nicht mehr gibt. Außerdem sind sie für Medizinhistoriker ein wichtiger Forschungsgegenstand.

Die Jenaer Moulagen kommen auch der Forschung zugute. Sie werden von der Friedrich-Schiller-Universität Jena dem Archiv für medizinische Wachsbilder an der Berliner Charité als Dauerleihgabe überlassen. „Dort arbeiten ausgewiesene Moulagenspezialisten und Präparatoren, die ihnen die erforderliche restauratorische und konservatorische Betreuung angedeihen lassen können“, erklärt die Sammlungsbeauftragte. „Allerdings kann ich mir gut vorstellen, die kleinen Kunstwerke für Ausstellungen auch wieder nach Jena zu holen.“

Kontakt:
Dr. Tilde Bayer
Sammlungsbeauftragte der Universität Jena
Zwätzengasse 4, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 931015
E-Mail: tilde.bayeruni-jena.de
(idw, 10/2010)

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