Klammern oder Nähen? Bei der Operation der Bauchspeicheldrüse ist das egal

Bei Tumorleiden oder Entzündungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) muss das Organ häufig ganz oder teilweise entfernt werden. Eine europaweite klinische Studie hat nun gezeigt: Für den Operationserfolg macht es keinen Unterschied, ob das Pankreas-Gewebe danach mit einem Klammernahtgerät oder einer Handnaht verschlossen wird.

Die DISPACT-Studie wurde an 21 europäischen Zentren durchgeführt und ist mit 352 Patienten die größte ihrer Art. Federführend war das Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (SDGC) an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Markus W. Büchler). Die Ergebnisse wurden in dem renommierten Journal „The Lancet“ veröffentlicht.

Da die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) sehr porös und schwer zu nähen ist, stellt die Fistelbildung nach der Operation mit ca. 30 Prozent eine häufige Komplikation dar. Durch die Fistel tritt das Sekret der Bauchspeicheldrüse in den Bauchraum aus und kann als aggressiver Verdauungssaft umliegende Gewebe angreifen.

Die am häufigsten angewendeten chirurgischen Techniken sind die Durchtrennung der Bauchspeicheldrüse und der Verschluss mit Klammernahtgerät (Stapler) oder das Durchtrennen mit dem Skalpell und der Verschluss per Handnaht. Bislang war nicht bekannt, welche Technik effektiver ist; vorangehende klinische Untersuchungen hatten kein definitives Ergebnis gebracht.

Operationstechnik hat keinen Einfluss auf Komplikationsrate

Im Rahmen der DISPACT-Studie wurden 352 Patienten operiert, davon 177 mit der Klammertechnik und 175 mit der Handnaht. Innerhalb der ersten sieben Tage nach der Operation entwickelten 31,6 Prozent der geklammerten und 28 Prozent der genähten Patienten eine Fistel. Dieser Unterschied ist allerdings statistisch nicht signifikant. Im gesamten Beobachtungszeitraum von 30 Tagen entstand bei insgesamt einem Drittel der Patienten eine postoperative Fistel. Unabhängig von der angewandten Operationstechnik verlängerte sich der Krankenhausaufenthalt um durchschnittlich sechs Tage bei Auftreten einer Fistel.

„Frühere Studien zum Vergleich der beiden Techniken hatten kleine Fallzahlen, waren uneinheitlich und im Nachhinein erstellt worden. Unsere qualitativ hochwertige Studie lässt nun den Schluss zu, dass beide Operationstechniken gleichwertig sind. Aus wirtschaftlichen Gründen könnte sich in Zukunft die Handnaht durchsetzen. Ich halte es aber für zu früh, hier von einem Trend zu sprechen“, erklärt Dr. Markus Diener, stellvertretender Ärztlicher Geschäftsführer des SDGC in Heidelberg.

Weniger Komplikationen durch innovative Techniken

Die Chirurgen arbeiten daran, die Operationsergebnisse weiter zu verbessern. Lösungsansätze könnten sowohl innovative chirurgische Techniken als auch die Beeinflussung biologischer Risikofaktoren sowie der Einsatz biologischer Kleber oder Strahlentherapie sein. „Wir müssen dringend neue Strategien entwickeln. Zurzeit läuft am Heidelberger Studienzentrum eine weitere Studie, die DISCOVER-Studie, in der der Bauchspeicheldrüsenstumpf zusätzlich mit körpereigenem Gewebe abgedeckt wird. Ein anderer Fokus ist der Härtegrad des Bauchspeicheldrüsengewebes, der möglicherweise einen Einfluss auf die Komplikationsrate hat“, erklärt Professor Dr. Christoph Seiler, Ärztlicher Geschäftsführer des SDGC.

Das SDGC ist eine Einrichtung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Medizinischen Fakultät Heidelberg, die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Sie hat den Auftrag, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Heidelberg, und dem Koordinierungszentrum für Klinische Studien, Heidelberg, in großen Studien die Effektivität von Operationen wissenschaftlich zu überprüfen und damit die Basis für optimale chirurgische Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Weitere Informationen:

Effectiveness of stapler versus hand-sewn closure after DIStal PAnCreaTectomy (DISPACT
trial): a randomised, controlled multicentre trial. Markus K. Diener, Christoph M. Seiler, Inga Rossion, Jörg Kleeff, Matthias Glanemann, Giovanni Butturini, Ales Tomazic, Christiane J. Bruns, Olivier R.C. Busch, Stefan Farkas, Orlin Belyaev, John P. Neoptolemos, Christopher Halloran, Tobias Keck, Marco Niedergethmann, Klaus Gellert, Helmut Witzigmann, Otto Kollmar, Peter Langer, Ulrich Steger, Jens Neudecker, Frederik Berrevoet, Silke Ganzera, Markus Heiss, Steffen P. Luntz, Thomas Bruckner, Meinhard Kieser, Markus W. Büchler. Lancet, 2011, in press

Kontakt:

Dr. Markus K. Diener
Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (SDGC)
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 110
69120 Heidelberg
Tel.: 06221-56-6986
Fax: 06221-56-6988
E-Mail: markus.diener@med.uni-heidelberg.de

Prof. Dr. Christoph M. Seiler, MSc
Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (SDGC)
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 110
69120 Heidelberg
Tel.: 06221-56-6980
Fax: 06221-56-6988
E-Mail: Christoph.Seiler@med.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
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Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 Departments, Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.600 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter

58 / 2011

AT

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