Keineswegs versponnen: WWU-Medziner erforschen die Seidenraupe

Münster (mfm/tw) – Ein Stoff, aus dem die Träume sind: Aus ihren Spinndrüsen bringen die Raupen des Maulbeerspinners feinste Seidenfäden hervor. Seit 5000 Jahren verzückt der kostbare Stoff, der daraus gesponnen wird, die Menschen. Doch nicht nur für die Mode ist Seide interessant: Die Medizinische Fakultät der Universität Münster kooperiert mit einer indischen Universität, um den Geheimnissen des feinen Fadens auf die Spur zu kommen.

Die Seidenraupe ist eine unscheinbare, graue Larve. Und wo Hans Christian Andersens hässliches Entlein sich zum stolzen Schwan wandelt, bleibt der Maulbeerspinner auch nach der Verpuppung farblos – ein haariger, mehlig-weißer Schmetterling. Spannend ist, was sich dazwischen abspielt: Die Raupe wickelt sich in einen einzigen, hunderte Meter langen Seidenfaden sein. „60.000 Dörfer in Indien leben von der Seidenproduktion“, erklärt der indische Biotechnologie-Professor Muthukalingan Krishnan, der den gesamten Juni als Wissenschaftler in Münster verbracht hat: „Auch deshalb liegt uns die Erforschung der Seidenraupe auf molekularbiologischer Ebene am Herzen.“

Was aber hat der Maulbeerspinner mit medizinischer Forschung zu tun? Federführend auf Seite der münsterschen Universität ist die Proteomik-Gruppe des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung, eine Einrichtung der Medizinischen Fakultät. Die Proteomik befasst sich mit der Gesamtheit aller Proteine, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt im Körper eines Lebewesens befinden. So haben Raupe und Schmetterling zwar das gleiche Erbgut, verfügen aber über eine völlig unterschiedliche Proteinzusammensetzung. In den laufenden Forschungsprojekten spielt der ökonomische Aspekt eine wichtige Rolle – aber die Grundlagenforschung ist auch für die Humanmedizin interessant, da die Prozesse innerhalb einer Zelle so besser verstanden werden können.

Kooperationspartner ist eine Gruppe von Biotechnologen an der Bharathidasan-Universität. Die Hochschule liegt in der Stadt Tiruchirappalli im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Ein Sechstel der Seiden-Weltproduktion kommt aus Indien – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der an Gewicht gewinnen soll: Noch produziert China doppelt so viel Seide, Indien will aufholen. „Die Seidenraupen ernähren sich in der Natur ausschließlich von den Blättern des Maulbeerbaumes“, erklärt Krishnan. Allein durch die Ernährung könne der Seidenfaden, der von einer einzigen Raupe gewonnen werden kann, auf 1000 Meter verlängert werden – das ist eine Strecke vom Fürstbischöflichen Schloss, dem Sitz der Universität, quer durch Münsters Altstadt bis hin zur Lambertikirche. Nahrungsergänzungsmittel müssen geschickt verabreicht werden, um die Produktion zu steigern. Zusammen mit Prof. Simone König, Leiterin der münsterschen Protein-Analytik-Gruppe, hat Krishnan die Stoffwechselprozesse der Raupe untersucht.

Diese Woche reiste Krishnan wieder nach Indien – mit vielen Ergebnissen im Gepäck: An die 100 Proteine hat der Professor sprichwörtlich unter die Lupe genommen, einige davon spielen eine wichtige Rolle für den natürlichen Zelltod – und damit für die Lebensdauer auch des Menschen. Krishnan wird bald wiederkommen; an Münster lobt er die Laborausstattung, die gut ausgebildeten Studenten und die ausgezeichnete Unterstützung. Zwei deutsche und zwei indische Doktoranden sind außerdem an dem bis 2012 laufenden Projekt beteiligt und erhalten für zweimonatige Studienaufenthalte an der Partnerinstitution Reisemittel. Die Hoffnung aller Beteiligten auf eine längerfristige Zusammenarbeit scheint sich bereits zu erfüllen, denn schon gibt es weitere Interessenten in Indien, die sich eine Zusammenarbeit mit den exzellent ausgestatteten Bioanalytikern in Münster gut vorstellen können.

Die Forschungsprojekte werden auf deutscher Seite von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Deutschen Akademischen Austausch-Dienst gefördert und auf indischer Seite von deren Pendants, der Indian National Science Academy und dem Department of Science and Technology. In einer Reihe von Austauschprogrammen werden die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland gefördert.
(idw, 07/2010)

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