Kaiserschnitt oder Steißgeburt? Welche Entbindung ist bei einer „Beckenendlage“ zu empfehlen?

Kaiserschnitt oder Steißgeburt: Eine Studie im Klinikum Nürnberg soll nun wissenschaftliche Grundlagen für diese Entscheidung liefern. Die Studie wird von der Manfred-Roth-Stiftung, Fürth, mit 15.000 Euro gefördert. Sie wurde gemeinsam mit dem Stiftungsvorstand Dr. Wilhelm Polster, bei einer Pressekonferenz am 17. Februar 2016 im Klinikum Nürnberg vorgestellt. Die nach dem verstorbenen NORMA-Gründer benannte Stiftung unterstützt eine Vielzahl wissenschaftlicher, sozialer und kultureller Einrichtungen.

Internationale Studien: Kaiserschnitt bringt für das Kind keine Vorteile

Kaiserschnitte sind bei Steißgeburten oft die Entbindungsform der Wahl. Dazu hat auch die erste kontrollierte internationale Studie beigetragen (Term Breech Trial), die im Jahr 2000 in der Zeitschrift „Lancet“ veröffentlicht worden ist und eine erhöhte Erkrankungs- und Sterberate in der unmittelbaren Phase nach der Geburt bei den Neugeborenen feststellte. Allerdings wies sie mehrere methodische Mängel auf, z.B. die Studiendauer und die unterschiedliche Qualifikation der beteiligten Geburtshelfer. Spätere Studien stellten dagegen, dass die Ergebnisse von vaginaler Geburt und Kaiserschnitt ähnlich sind. Langzeitdaten liegen bislang nicht ausreichend vor.

In einer erfahrenen Entbindungsklinik kann mit bestimmten Handgriffen fast immer eine unkomplizierte vaginale Geburt realisiert werden. Diese Handgriffe müssen Geburtshelfer regelmäßig trainieren, da sie über das Grundlagenwissen hinausgehen. Alternativ kann auch versucht werden, das Kind vor der Geburt im Mutterleib zu drehen. Das wird allerdings selten getan und gelingt nicht immer. In weniger erfahrenen Kliniken wird bei Kindern in Beckenendlage deshalb oft der Kaiserschnitt vorgezogen. Dieser birgt aber, gerade bei Folgeschwangerschaften, große Risiken.

In der Geburtshilfe des Klinikums Nürnberg gibt es umfangreiche Erfahrungen mit Geburten von reifen Kindern in Beckenendlage, die bei etwa 150 der rund 3.000 Geburten gegeben ist. Bei einer Steißgeburt werden zunächst das Gesäß und zuletzt der Kopf entbunden. Selten wird vorher versucht, das Kind vor der Geburt im Mutterleib zu drehen. Gelingt dieses Manöver nicht, muss während der Geburt der Sauerstoffversorgung des Ungeborenen über die Nabelschnur besonderes Augenmerk geschenkt werden. In einer erfahrenen Entbindungsklinik kann jedoch fast immer eine unkomplizierte vaginale Geburt realisiert werden.

„Unsere Nürnberger Daten zeigen derzeit, dass in Beckenendlage die Kaiserschnitt-Geburt verglichen mit der vaginalen Geburt für das Neugeborene keine Vorteile bringt. Auch die internationale wissenschaftliche Literatur hat dies belegt“, erklärte Prof. Dr. Cosima Brucker, Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität. „Aber wir überblicken bislang nur den Zeitraum unmittelbar nach der Geburt.“ Eine Studie, die von der Manfred-Roth-Stiftung gefördert wird, soll nun neue Langzeiterkenntnisse dazu bringen.

Kinder werden zwei Jahre nach der Geburt untersucht

„Wir sind der Manfred-Roth-Stiftung sehr dankbar, dass sie uns bei diesem wichtigen Forschungsprojekt unterstützt,“ sagte Prof. Dr. Martin Wilhelm, Vizedekan der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität.

Für die Studie werden 450 Eltern angeschrieben, deren Kind nach Beckenendlage in den Jahren 2014 bis 2016 im Klinikum Nürnberg geboren wurden. Ihnen wird eine zusätzliche Untersuchung ihres Kindes nach zwei Jahren angeboten, die den Entwicklungsstand testet. Zusätzlich werden ihre persönliche Erfahrungen mit der Geburt und mögliche Konsequenzen erfragt. Als Vergleichsgruppen dienen Eltern und Kinder, die nach Beckenendlage mit Kaiser-schnitt oder in Schädellage vaginal entbunden wurden.

„Die Studienergebnisse werden wir voraussichtlich 2018 vorstellen und veröffentlichen können. Wir wollen einen damit einen wissenschaftlichen Beitrag dazu leisten, dass die Eltern bei ihrer Entscheidung für eine Entbindungsform noch sicherer sein können“, erklärte Prof. Brucker.

Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Nürnberg wurde 2014 gegründet und ist zweiter Standort der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. In Nürnberg werden jährlich 50 Medizinstudierende ausgebildet. Das Curriculum orientiert sich eng an der Ausbildung der amerikanischen Mayo-Medical School. Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität kooperiert zudem mit weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland.

Das Klinikum Nürnberg ist eines der größten kommunalen Krankenhäuser in Deutschland und bietet das ge-samte Leistungsspektrum der Maximalversorgung an. Mit rund 2.370 Betten an zwei Standorten (Klinikum Nord und Klinikum Süd) und 6.200 Beschäftigten versorgt es 100.000 stationäre und knapp 100.000 ambulante Patienten im Jahr. Zum Klinikverbund gehören drei weitere Krankenhäuser des Landkreises Nürnberger Land.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Cosima Brucker, Chefärztin
Leitung der Klinik für Frauenheilkunde mit den Schwerpunkten Gynäkologie und Geburtshilfe
Tel: 0911-398-2222
E-Mail: cosima.brucker@klinikum-nuernberg.de

Dr. Michael Krause, Oberarzt
Tel: 0911 398 – 2804
E-Mail: michael.krause@klinikum-nuernberg.de

Literatur

1. Alarab, M; Regan, C; O’Connell, MP; Keane DP; O’Herlihy, C; Foley, ME: Singleton Vaginal Breech Delivery at Term: Still a Safe Option. Obstet Gynecol 2004; 103 (3): 407-412
2. Albrechtsen, S; Rasmussen, S; Reigstad, H; Markestad, T; Irgens, LM; Dalaker, K: Evaluation of a protocol for selecting fetuses in breech presentation for vaginal deliv-ery or cesarean section. Am J Obstet Gynecol 1997; 177: 586-92
3. Glezerman, M: Five years to the term breech trial: The rise and fall of a randomized controlled trial. Am J Obstet Gynecol 2006; 194: 20-5
4. Hannah, ME; Hannah, WJ; Hewson, SA; Hodnett, ED; Saigal, S; Willan, AR for the Term Breech Trial Collaborative Group: Planned caesarean section versus planned vaginal birth for breech presentation at term: a randomised multicentre trial. Lancet 2000; 356: 1375-83
5. Krause, M; Feige, A: vier Jahren nach dem Term Breech Trial: geplante Sectio caesarea hatte keinen Vorteil. Geburtsh Frauenheilk 2005; 65: 534-6
6. Krause, M: Der Term Breech Trial: Aufstieg und Fall einer internationalen, multizent-risch randomisierten, kontrollierten Studie – Eine kritische Bilanz. Zeitschrift für Geburtsh Neonatol 2006; 210: 121-125
7. Whyte, H at al. for the 2-year infant follow-up Term Breech Trial Collaborative Group: Outcomes of children at 2 years after planned cesarean birth versus planned vaginal birth for breech presentation at term: The International Randomized Term Breech Trial. Am Obstet Gynecol 2004; 191: 864-71

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