Ist eine humane Rationierung im Gesundheitswesen möglich?

Etwa 90 Gäste folgten am vergangenen Freitag der Einladung der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, in der neu eröffneten Reihe Forum zum Thema "Die Fortschrittsfalle der Medizin – Wie viel Gesundheit können wir uns leisten?" zu diskutieren.

Der Dortmunder Wirtschafts- und Sozialstatistiker Professor Dr. Walter Krämer eröffnete die Veranstaltung mit der provokanten Aussage, dass eine Rationierung von Leistungen im Gesundheitsbereich unausweichlich sei. "Das Problem der modernen Medizin ist nicht ihre Mangel sondern es sind ihre Möglichkeiten", erläuterte Krämer. "Es ist finanziell nicht möglich, allen Kranken und Patienten eine optimale Versorgung nach dem letzten Stand der Medizin zu garantieren"

Damit zog Krämer den Widerspruch seines Mit-Referenten Eckhard Nagel (Universität Bayreuth) auf sich. Der Transplantationsmediziner Nagel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist, warf Krämer vor, auf Basis falscher medizinischer Annahmen ethisch problematische Aussagen zu treffen, die einen Teil der Patienten ausgrenzen. Man könne nicht die Rationierung im Gesundheitswesen zum Ausweg aus der finanziellen Krise deklarieren, zum Weg aus einer vermeintlichen medizinischen Fortschrittsfalle, die so, nach Aussage Nagels, nicht existiere.

"Die Rationierung ist meines Erachtens unabwendbar. Es gilt jedoch sie sozial zu gestalten", hielt Krämer entgegen. "Es ist mir wichtig herauszustellen, dass die Politik hier gefordert ist, verbindliche Aussagen zur Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems zu treffen.

Klaus Bergdolt, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln, zeigte die Konsequenzen undurchdachter Rationalisierung bzw. Rationierung im Alltag großer Krankenhäuser. Die Stimmung unter dem ärztlichen Personal habe sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Der "Nucleus" der Medizin, das persönliche Verhältnis von Arzt und Patient, habe vielerorts Schaden genommen, so Bergdolt. Die Arbeit der Ärzte lasse sich nur bedingt nach dem Vorbild der Industrie und Planungen häufig fachfremder Consultants "organisieren", da sonst die Qualität leide. Damit fand er die Unterstützung des Moderators Thomas Schmitz-Rode von der RWTH Aachen. Dieser fasste die Position seiner ärztlichen Kollegen zusammen: "Rationalisierung im Gesundheitswesen ja – Rationierung auf keinen Fall."

Walter Krämer zog am Ende eine positive Bilanz der Veranstaltung: "Die Diskussionen unter den Teilnehmern waren hervorragend. Gerade die unterschiedlichen Bewertungen zwischen den anwesenden Wirtschaftswissenschaftlern und Medizinern zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems, v.a. zur Notwendigkeit von Rationierungen, zeigt die dringende Notwendigkeit, hier zu einem gesellschaftlichen Konsens zu kommen."
(idw, 02/2010)

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