Ist eine Gehirnfalte für Autismus verantwortlich?

Forscher des CNRS (französisches Zentrum für wissenschaftliche Forschung), der Universität Aix-Marseille und der staatlichen Krankenhauseinrichtung von Marseille (AP-HM) haben durch MRT-Untersuchungen einen für Autismus typischen speziellen Hirnmarker entdeckt, der ab dem zweiten Lebensjahr auftritt. Bei der entdeckten Anomalie handelt es sich um eine weniger ausgeprägte Falte des Broca-Areals. Diese Region des Gehirns ist für Sprache und Kommunikation verantwortlich – Funktionen, die bei Autisten gestört sind. Diese Entdeckung basiert auf den Ergebnissen der MRT-Untersuchungen und einer Kohorten-Studie an Patienten, bei denen bereits im frühen Alter diese Krankheit identifiziert wurde. Sie ermöglicht eine verbesserte und frühzeitigere Diagnose bei diesen Patienten. Die Ergebnisse wurden am 12. Januar 2016 in der Fachzeitschrift Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscienes and Neuroimaging veröffentlicht.

Autismus bezeichnet tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und der Verhaltensweisen auswirken. Es wird zwischen dem frühkindlichen Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus unterschieden. Die jüngsten Ergebnisse des Neuroimaging (Bildgebung des zentralen Nervensystems) legen Anomalien im zerebralen Cortex nahe.

Die charakteristischen Windungen und Furchen des Gehirns entstehen schon in den letzten Schwangerschaftsmonaten durch mechanische Kräfte: Die Nervenfasern zwischen den unterschiedlichen Arealen der Hirnoberfläche geraten zunehmend unter Spannung, wenn die Hirnrinde des Fötus wächst. Gehirnregionen, die durch viele Nervenfasern miteinander verbunden sind, werden während der embryonalen und frühkindlichen Entwicklung des Hirns zueinander gezogen und wölben sich zu Hügeln auf. Furchen entstehen in den weniger stark vernetzten Regionen zwischen den Hügeln. Behinderungen wie Autismus oder Schizophrenie beruhen oft auf Entwicklungsstörungen, wobei u. a. neuronale Verbindungen nicht in normaler Weise ausgebildet werden.

Die Forscher beschäftigten sich insbesondere mit dem „sulcal pit“ – dem tiefsten Punkt jeder Hirnfurche. Sie untersuchten Jungen im Alter zwischen 2 und 10 Jahren, die in 3 Gruppen unterteilt waren (Autisten, Kinder mit autistischen Symptomen und Kinder ohne Autismus-Spektrum-Störungen). Sie stellten fest, dass die Hirnfurche bei autistischen Kindern deutlich geringer ausgeprägt war als bei den beiden anderen Gruppen. Daraus lässt sich schlussfolgern: je flacher die Furche, desto geringer die Kommunikationsfähigkeiten.

Diese spezifische Anomalie bei autistischen Kindern könnte als Biomarker für diese Erkrankung genutzt werden und so eine frühzeitigere Diagnose ermöglichen (ab einem Alter von 2 Jahren). Bislang erfolgt die Diagnose hauptsächlich über klinische Symptome, die durch Beobachtung und Gespräche mit den Kindern und ihren Eltern festgestellt werden. Dies geschieht durchschnittlich im Alter von 4,5 Jahren (in Frankreich).

Im Laufe ihrer Untersuchungen stellten die Forscher zudem fest, dass die Entwicklung des Gehirns – wie bislang angenommen – nicht mit der Geburt abgeschlossen ist. Sie konnten beobachten, dass sich bestimmte Furchen (in den oberflächlichsten Schichten) auch später noch weiter ausbilden. Diese Entwicklung verläuft bei autistischen und gesunden Kindern gleich.

Quelle:

“L’autisme se cache-t-il dans un pli du cerveau ?”, Pressemitteilung des CNRS, 12.01.2016 – http://www2.cnrs.fr/presse/communique/4373.htm

Übersetzerin: Jana Ulbricht, jana.ulbricht@diplomatie.gouv.fr

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