Interview mit Prof. Dr. Johannes Kemser: Die Pflege braucht eine eigene Stimme

Die Demografie ist im Wandel. Wie reagiert die Pflege darauf? Ergeben sich hier Chancen oder eher Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Die Pflege reagiert durch ihre indirekten wie direkten Sprachrohre. Indirekt, indem sie über politische Vorgaben und Entscheidungen ins Geschehen einbezogen wird, z. B. im Rahmen der Senioren-, Generationen-, Wohn-, Sozial- und Gesundheitspolitik. Direkt, indem sie durch anwendungsbezogene Pflegeforschung etwa in den Bereichen Versorgungsdienste, neuer Wohnformen, Finanzierungsmodelle oder Demenzbetreuung eigene Projekte und Modelle zur Umsetzung und Steuerung entwickelt. In den kommenden Jahrzehnten werden die demografische Entwicklung und die sich daraus ergebenden Erfordernisse für alle Verantwortlichen in unserer Gesellschaft große Herausforderungen darstellen. Hier sehe ich allerdings auch eine Chance, denn künftig werden wir alle stärker gefordert sein, aufeinander zuzugehen und füreinander da zu sein – auch, wenn man nicht familiär miteinander verbunden ist. Das kann sich wiederum sehr positiv auf unseren Gemeinschaftssinn auswirken.“

Was werden die zentralen Zukunftsthemen der Pflege sein?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „In Anknüpfung an das, was ich gerade gesagt habe, wird in der Tat die Frage nach der optimalen Versorgung der Menschen im Mittelpunkt unserer aller Bemühungen stehen müssen, da die Bevölkerung immer älter und der Pflegebedarf in den kommenden Jahren enorm steigen wird. Andererseits sagt man bereits zum heutigen Zeitpunkt einigen Menschen in unserer Gesellschaft eine massive Altersarmut vorher, die sich auch auf jüngere Gesellschaftsgruppen, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, die ohne Arbeit, ohne Familien und ohne kulturelle Integration in Deutschland leben, ausdehnen könnte. Die Pflegebedürftigkeit durch Fachkräfte wird auch vor dem Hintergrund zunehmen, dass es in Deutschland immer mehr Menschen gibt, die in keinen festen Bindungen leben und sich gegen eine Familie und eigene Kinder entscheiden. Ohne eine Pflege, die auch politisch Position in Fragen der Gesundheitsversorgung beziehen muss, wird eine optimale Versorgung in Zukunft nicht möglich sein. Sich nur „zu kümmern“ und nur „zu pflegen“ ist kein Selbstzweck – und in diesem Fall heiligt der Zweck auch nicht die Mittel.“

Was meinen Sie mit einer Pflege, die auch politisch Stellung beziehen darf? Was sind Ihre konkreten Forderungen?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Die Pflege ist die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Sie hat bislang keinen politischen Einfluss als Wählergruppe, sondern ist auf Goodwill-Aktionen anderer berufsnaher Interessengruppen angewiesen. Vertreter der Pflege dürfen bisher in Entscheidungsgremien nur beraten, aber nicht mitentscheiden. Das betrifft die Selbstverwaltung wie zum Beispiel die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und die Krankenkassen sowie den Gemeinsamen Bundesausschuss GBA als oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern in Deutschland.
Konkrete Forderungen sind zum Beispiel Vorgaben in allen Fragen der Aus-, Fort- und Weiterbildung, jeweils unterstützt und geleitet von akademisch Pflegenden, vorzugsweise getragen von anerkannten Hochschulen mit entsprechenden Pflegestudiengängen. Hier sollten in Abstimmung mit den Pflege-Fakultäten Curricula erstellt und Prüfungen abgenommen werden. Eine zentrale Anlaufstelle könnte somit eine Fakultät Pflege sein, anstelle der vielen verschiedenen und somit zersplitterten Zuständigkeiten in Einzelministerien oder Weiterbildungsakademien.“

Wie schätzen Sie die Chancen auf eine eigene Pflegekammer ein?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Wenn auch derzeit noch keine bundesweit einheitliche Entscheidung getroffen wurde – die durch die Länderrechtsregelung ohnehin nicht möglich ist – so wird sich durch die weiter ausdifferenzierten Erkenntnisse über Pflegewissenschaft und Pflegeversorgung die Pflege vom Beruf zur Profession weiterentwickeln. Damit wird, wie in anderen Kammerprofessionen (Medizin, Pharmazie, Architektur etc.), langfristig eine berufspolitische Vertretung kaum zu umgehen sein; es sei denn, man schafft alle Berufskammern ab. In einer Pflegekammer definiert dann die Pflege selbst, was Pflege ist. Durch eine Kammer wird der Graben zwischen Wissenschaft und Praxis überbrückt. Im Moment drehen sich die Meinungen der Kritiker überwiegend um die Sorge zunehmender Bürokratisierung, hoher Beiträge und des Machtverlusts etablierter Trägerverbände und Gewerkschaften.“

Welche Aufgabenstellungen leiten sich hieraus für eine Pflege der Zukunft ab?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Zunächst ist die Pflege als Profession ihrem Auftrag Menschen optimal zu versorgen, zu pflegen und zu betreuen verpflichtet. Wie sie dies zu tun hat, hängt von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Da jede Theorie auch gesellschaftliche Praxis ist und es keine Praxis ohne Theorie gibt, braucht die Pflege entsprechende Kenntnisse über Theorie in der Praxis. Die Aufgabenstellung einer Pflege der Zukunft muss ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit, ihre praktische Autonomie und ihre Verantwortung für alle pflegerischen Versorgungsfragen umfassen, dazu gehört das selbständige Entscheiden über die pflegerische Versorgung und unter welchen Bedingungen welche Modelle und Konzepte umgesetzt werden können.“

In 2004 wurde das Krankenpflegesetz (KPfG) eingeführt. Was hat sich seither nachhaltig verändert?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Das KPfG von 2004 hat sich nachhaltig auf die Akademisierung ausgewirkt. Seit Gesetzeseinführung müssen beispielsweise alle Lehrer für Pflegeberufe einen akademischen Abschluss nachweisen; bei Pflegelehrern, die zuvor über Weiterbildungen ihre Qualifikation erlangten, gilt zwar weiterhin der Bestandsschutz, aber ein Schulwechsel als weitergebildeter Lehrer ist nicht möglich.
In den vergangenen zehn Jahren sind sehr viele Einzelgesetze im Bereich der Pflege geändert oder auch angepasst worden, wie etwa die Qualitätssicherung, die im Pflegewohn- und Qualitätsgesetz (PfleWoqG) neu geregelt wurde oder die verschiedenen Anpassungen zum SGB XI im Pflegeweiterentwicklungs-, dann auch im Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG). Alleine dadurch haben sich nachhaltige Änderungen ergeben haben.“

Muss die gesetzliche Lage angepasst werden? Sollte das Pflegeversicherungsgesetz revidiert werden?

Prof. Dr. Johannes Kemser: „Das Pflegeversicherungsgesetz des Jahres 1995 bedarf einer Erneuerung, das sehen auch alle politischen Parteien so. Die darin formulierten Bedarfe entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen, insbesondere was die Pflegeleistungen im Bereich der Pflegeversicherungsbeiträge anbelangt. Aber auch die Versorgungsanforderungen haben sich aufgrund des demografischen Wandels, der veränderten Krankheitsbilder (Demenz, chronische Erkrankungen), Wohn- und Lebenswünsche und der differenzierten Forderungen an die Strukturen des Gemeinwesens von Städten und Gemeinden gewandelt. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff steckt bereits in den Startlöchern: hier wird der Blick auf Selbstständigkeit und Fähigkeiten gerichtet. In gleicher Weise führen auch gerontologische Erkenntnisse schrittweise zu neuen Wohnformen wie Betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften, Generationenwohnen, Wohnen im Quartier, usw. Vor all diesen Hintergründen kann Pflege als Profession nur noch mit anderen Professionen zusammen gedacht werden, weil sie eine interdisziplinäre Disziplin mit sehr komplexen Verzweigungen und damit auch mit differenzierten Kompetenzen ist. Somit ist sie zum Multitasking innerhalb eines modernen Versorgungssystems geworden.“

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