Innovationen für die Frau – unbezahlbar?

Mit medizinischen Innovationen assoziiert die Öffentlichkeit zwei Aspekte: fortschrittliche Medizin und hohe Kosten für das Gesundheitswesen. Einerseits können aufgrund moderner Arzneimittel mehr Patienten geheilt werden oder zumindest weitgehend beschwerdefrei leben, andererseits explodieren die Kosten für die optimale medizinische Versorgung. Helfen soll eine Neuregulierung des Arzneimittelmarktes: Alle Medikamente, die neu zugelassen oder in neuen Indikationen eingesetzt werden, sollen einer Kosten-Nutzen-Bewertung unterzogen werden. Kritiker befürchten, dass der individuelle Nutzen innovativer Therapiemöglichkeiten für einzelne Patienten oder kleine Patientengruppen hierbei zu wenig berücksichtig wird. „Mediziner sollten Therapieentscheidungen nicht allein auf der Basis von Kosten-Nutzen-Studien treffen“, sagte Professor Rolf Kreienberg, DGGG-Präsident und Direktor der Frauenklinik Ulm, auf dem 58. Kongress der DGGG (5. bis 8. Oktober 2010, München).
In der Gynäkologie ermöglichen beispielsweise die Entschlüsselung des humanen Genoms und moderne diagnostische Methoden eine individuelle Tumorprävention und Krebstherapie. Es sind mittlerweise Vorhersagen möglich, ob eine Frau an Brustkrebs erkranken wird und welche der Patientinnen von einer bestimmten Chemotherapie profitieren. Onkologisch tätige Gynäkologinnen und Gynäkologen haben bei ihren Therapieentscheidungen einen bestmöglichen Heilerfolg zum Ziel oder einen Lebenszeitgewinn mit ausreichender Lebensqualität. „Ärzte und Patienten müssen schnellen Zugang zu Innovationen haben. Leider blockiert die Kostenrationalisierung dies. Dabei sind Innovationen auch ein wichtiger Impuls für zukünftige medizinische Fortschritte“, betonte Kreienberg.
Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) kritisiert eine schnelle Kosten-Nutzen-Bewertung allein auf der Basis klinischer Studien der Pharmaunternehmen, die im praktischen Einsatz erworbenes und vorhandenes Wissen nicht berücksichtigen. „In den letzten Jahren wurden unter Alltagsbedingungen individuelle Therapien entwickelt und Patientengruppen identifiziert, die davon wirklich profitieren. Innerhalb von drei Monaten ist eine qualitative Analyse des Nutzens neuer Medikamente nicht möglich. Es können Jahre vergehen, bis Innovationen ihr volles Wirkungspotenzial entfalten“, erläuterte Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der DKG. „Die Politik hat den Nutzen einer Gesamtpopulation anhand von Mittelwerten im Blick. Kliniker müssen und wollen aber den individuellen Nutzen ermitteln: Was kommt beim Patienten an?“, so Bruns. Die DKG fordert eine gezielte Förderung der klinischen Forschung und Entscheidungsträger, die auf der Basis verlässlicher Aussagen zum Wohle der Patienten über den Zugang zu Innovationen urteilen.
Dr. Helmut Platzer, Vorsitzender des Vorstandes der AOK Bayern, sieht im Verteilungskampf zwischen und innerhalb der Versorgungssektoren das größte Risiko hinsichtlich der Finanzierung einer adäquaten gynäkologischen Versorgung. Daneben sei auch die Unterfinanzierung des Gesundheitsfonds problematisch. „Chancen für die Bewältigung dieser Situation liegen in einer Optimierung des Versorgungsmanagements typischer und weit verbreiteter Erkrankungen, beispielsweise durch den Abbau von Schnittstellenproblemen zwischen stationärer und ambulanter und zwischen fach- und hausärztlicher Versorgung“, erläuterte Platzer auf dem DGGG-Kongress in München.
Laut Professor Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik Erlangen, erfordern immer komplexere Behandlungsstrukturen, insbesondere bei Hochrisikoerkrankungen der gynäkologischen Onkologie und der Risikogeburtshilfe, tatsächlich zunehmend interdisziplinäre Ansätze. Wünschenswert seien sektorübergreifende Versorgungsstrukturen mit entsprechenden Finanzierungsmodellen, eine Fokussierung und Koordinierung wissenschaftlicher Arbeitsgruppen, Bildung interdisziplinärer Zentren, die Etablierung eines Zweitmeinungswesens sowie die Integration der Versorgungsforschung als Bestandteil der klinischen Routineversorgung.
(idw, 10/2010)

Scroll to Top