Ineffizienz in der medizinischen Forschung: Handlungsempfehlungen von TMF und Cochrane Deutschland

Handlungsempfehlungen und Aufruf zur Selbstverpflichtung im Wortlaut:

MEDIZINISCHE FORSCHUNG: MEHR WERT, WENIGER VERSCHWENDUNG – WAS IST ZU TUN?
Gemeinsames Symposium von Cochrane Deutschland und TMF am 24.09.2015 – Thesen und Handlungsempfehlungen zum Abbau von Ineffizienz

Die Verwendung öffentlicher Gelder für die Förderung medizinischer Forschungsprojekte gebietet einen effizienten und nachhaltigen Mitteleinsatz. Oftmals führt jedoch die Vernachlässigung von Nachhaltigkeitsaspekten, verbunden mit der Intransparenz des jeweils aktuellen Wissensstands und der Nichtreproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen, zum Verlust wertvoller Fördermittel. Die Bürger in unserem Land betrifft dieser Missstand in mehrfacher Hinsicht – als Steuerzahler, die für Ineffizienzen in der öffentlich geförderten Forschung aufkommen, als Patienten, denen innovative Therapien vorenthalten werden, und als Gesunde, die auf optimale Vorsorge verzichten müssen.

Im Rahmen eines gemeinsamen Symposiums haben Cochrane Deutschland und die TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung – mit Forschern, Patienten, Ethikern und Vertretern von Fachverlagen und Infrastruktureinrichtungen diskutiert, wie der Mehrwert von Forschungsmitteln in der Medizin gesteigert und Verschwendung durch Ineffizienz vermieden werden können. TMF und Cochrane Deutschland haben in diesem Zusammenhang folgende Handlungsempfehlungen formuliert.

1. Effizienterer Fördermitteleinsatz bedarf eines besseren Überblicks.
– Register für Forschungsprojekte müssen neu aufgebaut bzw. existierende derartige Register finanziell abgesichert werden.
– Die Registrierung neuer Forschungsprojekte, insbesondere klinischer Studien, muss in Förderausschreibungen verpflichtend vorgeschrieben werden.
– Projektanträge müssen durch aktuelle systematische Reviews (z.B. der Cochrane Collaboration) ihre Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit nachweisen.

2. Ethische, rechtliche und methodische Aspekte verlangen eine stärkere Berücksichtigung in der biomedizinischen Forschung.
– Das Vorhandensein ethischer, juristischer und methodischer Expertise (z.B. hinsichtlich Datenschutz und Biometrie) muss zu einer Fördervoraussetzung werden, die entweder von den Projektpartnern selbst nachzuweisen oder durch Mitgliedschaft in einer geeigneten Querschnittseinrichtung (wie z.B. der TMF) sicherzustellen ist.

3. Die dauerhafte Nutzbarkeit von Forschungsinfrastrukturen wie Daten- und Probenbanken muss abgesichert werden.
– Querschnittseinrichtungen, die aus einer Projektförderung hervorgehen sollen, werden derzeit dazu verpflichtet, bei Antragstellung Konzepte für ihre eigene Nachnutzung und Nachhaltigkeit vorzulegen. Die Bereitstellung der hierfür notwendigen finanziellen Mittel muss jedoch konstitutioneller Bestandteil öffentlicher Forschungsförderung werden.
– Eine Zusammenarbeit mit solchen Querschnittseinrichtungen sowie die Einbindung vorhandener Expertise zu Nachnutzung und Nachhaltigkeit müssen Fördervoraussetzungen werden.

4. Projekt- und disziplinübergreifende Standards müssen von der Wissenschafts-Community selbst definiert werden.
– Das Verfolgen von Top-Down-Ansätzen bei der Definition methodischer und struktureller Standards gefährdet deren Akzeptanz. Daher muss die Mitwirkung an der Selbstorganisation der Forschung (z.B. in der TMF) und der Entwicklung generischer Problemlösungen von Forschungsförderern eingefordert und finanziell unterstützt werden.

5. Studienergebnisse müssen transparent und validierbar sein.
– Alle Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung – einschließlich Forschungsprotokollen, Analyseplänen und Rohdaten – müssen vollständig veröffentlicht werden.

6. Die Priorisierung medizinischer Forschung muss die Bedürfnisse von Patienten berücksichtigen.
– Patientenvertreter sind an maßgeblichen strategischen und operationalen Entscheidungen über Fördermaßnahmen zu beteiligen.
– Für den Austausch zwischen Patienten und Wissenschaft müssen geeignete Foren gefunden bzw. geschaffen, finanziell abgesichert und institutionalisiert werden.
– Die Politik muss durch das Bereitstellen öffentlicher Mittel darauf hinwirken, dass der Patientendialog nicht allein einer Förderung aus der industriellen Forschung überlassen bleibt.

7. Alle Interessengruppen müssen am Diskurs zur Forschungseffizienz partizipieren.
– Faktoren, die in Deutschland Ineffizienz in der medizinischen Forschung begünstigen, sowie das eigentliche Ausmaß dieser Ineffizienz müssen durch systematische empirische Forschung (Research on Research) aufgedeckt und untersucht werden. Besonderes Augenmerk ist dabei auf Fehlanreize im Wissenschaftssystem zu legen.
– Verbesserungsansätze müssen von allen Interessengruppen (d.h. Forschern, Förderern, Ethikern, Klinikern, Ärzten, Patienten, Juristen, Politikern, Fachverlagen und Industrie) gemeinsam diskutiert und entwickelt werden. Die Politik sollte diesen Prozess anstoßen und vorantreiben.

Aufruf zur Selbstverpflichtung

TMF und Cochrane Deutschland unterstützen die bevorstehende REWARD-Kampagne, die im Januar 2014 durch einen Sonderband der Zeitschrift Lancet () initiiert wurde, und rufen den deutschen Wissenschaftsbetrieb auf, sich dieser Entwicklung aktiv anzuschließen.

TMF und Cochrane Deutschland unterzeichnen im Rahmen der REWARD/EQUATOR-Konferenz (28.-30. September 2015, Edinburgh, ) folgendes Statement:

„We recognise that, while we strive for excellence in biomedical research, there is much that needs to be done to reduce waste and increase the value of our contributions. We maximise our research potential when we set the right research priorities; when we use robust research design, conduct and analysis; when regulation and management are proportionate to risks; when all information on research methods and findings are accessible; and when reports of research are complete and usable. We believe we have a responsibility not just to seek to advance knowledge, but also to advance the practice of research itself. This will contribute to improvement in the health of all peoples, everywhere. As funders, regulators, commercial organisations, publishers, editors, researchers, research users and others – we commit to playing our part in increasing value and reducing waste in biomedical research.“

Weitere Informationen:
| |

Kontakt:
Antje Schütt, Tel.: 030-2200247-31 | mobil: 0173-6141663 | E-Mail: presse@tmf-ev.de

Twitter:
Hashtag REWARD/EQUATOR Conference: #researchwaste15
TMF: @TMF_eV

Scroll to Top