In Rio nichts Neues

Den offiziellen Statistiken der Vereinten Nationen zufolge überschritt die Weltbevölkerung am 11. Juli 1987 erstmals die Fünf-Milliarden-Marke. Kurze Zeit später rief das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) den 11. Juli als Weltbevölkerungstag aus, um damit auf die Folgen und Probleme der globalen Bevölkerungsentwicklung aufmerksam zu machen.

Heute, 25 Jahre später, leben über sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Und die Weltbevölkerung wächst weiter stark – um 78 Millionen Köpfe im Jahr. Dies verschärft Probleme wie mangelnde Ernährungssicherheit, Ressourcenarmut sowie unzureichende Bildungs- und Gesundheitsversorgung.

Der diesjährige Weltbevölkerungstag steht im Zeichen des weltweiten Zugangs zu reproduktiver Gesundheitsversorgung, also zu bezahlbaren und sicheren Verhütungsmethoden, zu einer modernen gynäkologischen Versorgung und einem ausreichenden Angebot an Sexual- und Gesundheitsberatung.

Gerade die am wenigsten entwickelten Länder verzeichnen weiterhin die höchsten Geburtenraten. Dabei ist eine hohe Kinderzahl pro Frau keinesfalls immer dem Wunsch nach einer großen Familie geschuldet. Schätzungsweise 222 Millionen Frauen in den weniger entwickelten Ländern würden Schwangerschaften vermeiden oder anders planen, wenn sie Zugang zu modernen Verhütungsmitteln hätten. Wäre dieser sogenannte ungedeckte Bedarf gedeckt, gäbe es 53 Millionen unbeabsichtigte Schwangerschaften weniger und über 100.000 weniger Todesfälle von Müttern bei der Geburt.

Um den Kreislauf aus Bevölkerungswachstum und Armut zu durchbrechen, brauchen die Entwicklungsländer eine Chance auf wirtschaftlichen Fortschritt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sozioökonomische Entwicklung stets mit sinkenden Geburtenraten einhergeht. Weil sich Frauen in Entwicklungsländern im Durchschnitt weniger Kinder wünschen als Männer, führt der Weg zu sinkenden Kinderzahlen vor allem über die gesellschaftliche Stärkung von Frauen. Reproduktive Gesundheit und Rechte sind fester Bestandteil von nachhaltiger Entwicklung und unerlässlich für die Armutsbekämpfung, erklärt der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in seiner Botschaft zum Weltbevölkerungstag.

Der kürzlich zu Ende gegangene Nachhaltigkeitsgipfel „Rio+20“ bot die Gelegenheit, Frauen mit dem entsprechenden Recht auf eine aktive Rolle in der Familienplanung auszustatten.
In Rio sollte der internationale Dialog zu Armutsbekämpfung, Umweltschutz und nachhaltigem Wirtschaften erneuert werden. Im Vorfeld der Konferenz schien unter den Teilnehmern der Konsens zu bestehen, dass die großen globalen Ziele nicht ohne eine Stärkung der Frau erreicht werden können. Doch gerade die Verbindung von Frauenrechten und nachhaltiger Entwicklung wurde bei der
Abschlusserklärung zur Kontroverse.

Im Text der Erklärung wurde eine bereits formulierte Forderung nach weltweiter Gewährung reproduktiver Rechte wieder gestrichen. Mit dieser Initiative sollte die soziale Stellung von Frauen verbessert werden, damit sie frei entscheiden können, mit wem, wie viele und in welchen Abständen sie Kinder bekommen. Es ging außerdem um das Recht für Schwangere, bei der Gefahr von
Gesundheitsschäden und Komplikationen legal abtreiben zu dürfen.

Gestrichen wurde diese Passage in der Rio-Abschlusserklärung auf Drängen des Vatikans. Die katholische Kirche ist als einzige Religionsgemeinschaft bei den Vereinten Nationen vertreten und führte eine Allianz aus Regierungen einzelner Entwicklungsländer an, die sich mit dem Vorhaben durchsetzte, bedeutende Abschnitte zur Gleichberechtigung aus dem Text zu entfernen.

Damit hat in der Bevölkerungspolitik wieder einmal eine Allianz die Oberhand gewonnen, die bereits seit der 2. Weltbevölkerungskonferenz 1984 in Mexiko-Stadt bekannt ist. Die Studie des Berlin-Instituts aus dem Jahr 2004 „Das Ende der Aufklärung“ ist damit nach wie vor hochaktuell. Sie gibt einen Überblick über Befürworter und Gegner von Familienplanung und Sexualaufklärung und beschreibt die internationalen Winkelzüge, Frauenrechte und die sexuelle Selbstbestimmung einzuschränken.

Einen tiefergehenden Einblick in das Themenfeld Bevölkerung, Entwicklung und Klima bieten auch weitere Studien des Berlin-Instituts: „Afrikas demografische Herausforderung“ und „Das Trilemma des Wachstums“.

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