ICAV-Symposium in Lübeck: Neues Programm zur Entwicklung von Medikamenten gegen Denguevirus-Infektionen

Eine Pressekonferenz zu Themen und Ergebnissen der Tagung findet am Dienstag, dem 12. Oktober, um 12 Uhr im großen Saal der Media Docks Lübeck, Willy-Brandt-Allee 31 b, statt. Alle Journalistinnen und Journalisten sind dazu herzlich eingeladen. Um kurze Anmeldung unter presse@uni-luebeck.de oder Tel. 0451/500-3004 wird freundlichst gebeten.

Ein Beispiel für neue Viren oder Virenvarianten ist das bis dahin unbekannte Nipah-Virus, das erstmals 1997 in Malaysia auftrat. Im selben Jahr wurde das Vogelgrippevirus H5N1 zum ersten Mal auf Menschen übertragen. Seitdem hat dieses Virus sich weiterentwickelt und ist inzwischen noch gefährlicher geworden. 2003 folgte das SARS-Coronavirus, das sich innerhalb weniger Wochen in 29 Ländern verbreitete. 2009 erschien das noch immer grassierende, wenn auch bisher überwiegend relativ harmlose H1N1-Virus („Schweinegrippe“).

Zu den Gründen für die zunehmend häufigen Virusausbrüche zählen der intensive Flugverkehr und klimatische Veränderungen. Besorgniserregend ist, dass es gegen die meisten der neuen Viren keine wirksamen Impfstoffe und keine Medikamente gibt. Wie das Beispiel des neuen H1N1-Virus gezeigt hat, dauert die Impfstoffentwicklung oft zu lange, um wirksam vor einer aktuellen Epidemie schützen zu können. Daher werden dringend antivirale Medikamente benötigt.

Die Pharmaindustrie forscht in der Regel allerdings intensiv nur an chronischen Viruserkrankungen wie HIV/AIDS oder Hepatitis B und C, die einer lebenslangen Therapie bedürfen. Akute Virusinfektionen dagegen besiegt das Immunsystem der meisten Menschen innerhalb weniger Tage oder Wochen auch ohne medikamentöse Behandlung.

Dennoch fordern gerade diesen Viren weltweit Millionen von Todesopfern. So sterben etwa an Rotavirus-Infektionen 600.000 Kinder pro Jahr. Allein in Westafrika treten im gleichen Zeitraum 500.000 Fälle von Lassafieber auf. Das Chikungunya-Virus, welches durch Moskitos der Aedes-Familie übertragen wird und zu schmerzhaften Entzündungen der Gelenke führt, hat sich in den vergangenen vier Jahren über beinahe alle Anrainerstaaten des Indischen Ozeans ausgebreitet.

Allein in Indien gibt es derzeit mindestens zwei Millionen Fälle. Aufgrund der globalen Erwärmung hat dieses Moskito inzwischen Südfrankreich und Italien erreicht, und folgerichtig gab es 2007 bereits einen ersten Ausbruch der Erkrankung in Ravenna. Durch die gleiche Moskitoart wird auch das Denguevirus übertragen, welches hohes Fieber und in schweren Fällen tödlich verlaufende innere Blutungen hervorruft. Dieses Virus ist mittlerweile auf beinahe der ganzen südlichen Erdhalbkugel verbreitet, und drei Milliarden Menschen leben ständig mit dem Risiko einer Dengue-Infektion.

Auf der Lübecker Tagung des ICAV, die unter Mitwirkung der Graduiertenschule „Informatik in Medizin und den Lebenswissenschaften“ der Universität Lübeck ausgerichtet wird, rufen Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit den Veranstaltern ein Programm zur Entwicklung von Medikamenten gegen Denguevirus-Infektionen ins Leben.

Ein wichtiges Thema der Konferenz ist auch die Finanzierung dieser Forschungsarbeiten. Da die Pharmaindustrie sich auf diesem Gebiet kaum engagiert, sind die Forscher auf Gelder von staatlichen Stellen und von Stiftungen angewiesen. So erhielt Prof. Hilgenfeld von der EU-Kommission vor wenigen Tagen eine Zuwendung von knapp einer Million Euro. Diese ist Teil des antiviralen Zwölf-Millionen-Euro-Projekts „SILVER“ („Small-molecule Inhibitor Leads Versus Emerging and neglected RNA viruses”), für das der Startschuss im Anschluss an die Konferenz in den Media Docks fällt.

Kontakt:
Prof. Dr. Rolf Hilgenfeld, E-mail: hilgenfeld@biochem.uni-luebeck.de, Tel. 0177-2412455
(idw, 10/2010)

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