Hüftfraktur bei älteren Menschen – Sterblichkeit muss gesenkt werden

Hüftfraktur, Pflegemittel

Hüftfraktur. Das Zusammenspiel von Unfallärzten, Chirurgen und Spezialisten für Alternsmedizin hilft, die Sterblichkeit von älteren Patientinnen und Patienten mit Hüftfrakturen erheblich zu senken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Forschenden der Universität Ulm in Zusammenarbeit mit Partnern aus Stuttgart und Hamburg über das so genannte orthogeriatrische Co-Management. Dazu haben die Ärztinnen und Ärzte die Daten von rund 58 000 Menschen ausgewertet, die in deutschen Krankenhäusern mit der Diagnose Hüftfraktur behandelt worden sind. Die Ergebnisse wurden im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht.

Hüftfraktur

Hüftfrakturen gehören zu den so genannten Fragilitätsfrakturen und treten überwiegend bei Patientinnen und Patienten im Alter über 80 Jahre auf. Dieser Personenkreis ist außerdem häufig sehr gebrechlich und leidet unter vielen weiteren Krankheiten und Alterungserscheinungen. Auch gehen diese Frakturen für die Betroffenen oft mit großen Schmerzen einher, und die Betroffenen verlieren danach in vielen Fällen dauerhaft einen großen Teil ihrer Selbstständigkeit – auch Todesfälle sind zu beklagen. Innerhalb eines Jahres versterben laut Weißbuch Alterstraumatologie bis zu 30 Prozent der Patientinnen und Patienten. Dass eine Hüftfraktur keine seltenes Phänomen ist, zeigen die Fallzahlen: Allein 2018 wurden in Deutschland 120 000 so genannte hüftgelenknahe Femurfrakturen, umgangssprachlich auch „Oberschenkelhalsfrakturen“ genannt, stationär operiert. Bei älteren Menschen mit Pflegebedarf besteht ein besonders hohes Frakturrisiko.

Zusammen mit Kooperationspartnern aus dem Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart sowie dem Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben Ulmer Forschende die Auswirkungen eines neuen Behandlungsmodells, des orthogeriatrischen Co-Managements, auf die Patientinnen und Patienten mit Hüftfrakturen untersucht.

„Aufgrund der demographischen Veränderung werden die Frakturen in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Dies stellt die unfallchirurgischen Abteilungen zunehmend vor Probleme. Denn die Patientinnen und Patienten leiden häufig unter einer Vielzahl von Begleiterkrankungen und nehmen deshalb eine Reihe unterschiedlicher Medikamente ein. Die Behandlung ist komplex und erfordert nicht nur die operativ-unfallchirurgische, sondern die internistisch-geriatrische Expertise“, erklärt Professor Dietrich Rothenbacher, Leiter des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm. „Wir wissen aus anderen Ländern, dass sich die Zusammenarbeit von Chirurgie und Geriatrie bei der Versorgung von älteren Betroffenen günstig auswirkt. Daten aus Deutschland waren dazu aber nicht vorhanden“, schildert Professor Kilian Rapp, stellvertretender Forschungsleiter am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart die Ausgangslage.

Beim so genannten Co-Management behandeln Unfallchirurgen und Geriater Fragilitätsfrakturen gemeinsam. Kernkomponente der Therapie ist es, die Patientinnen und Patienten möglichst rasch zu mobilisieren. Unter der Leitung eines Geriaters arbeitet bereits im Krankenhaus ein multidisziplinäres Team aus Physio- und Ergotherapie, speziell weitergebildeten Pflegekräften sowie Sozialarbeiterinnen und -arbeitern und weiteren Experten zusammen.

Den Forschenden lagen die Daten einer großen deutschen Krankenkasse vor, der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Die Krankenkassen-Daten erlaubten auch Aussagen über einen vorliegenden Pflegegrad oder einen Aufenthalt im Pflegeheim. AOK-Versicherte repräsentieren rund ein gutes Drittel der gesetzlichen Krankenversicherten in Deutschland. In der Studie konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so auf einen recht großen Datensatz zurückgreifen, der fast die Hälfte der in Deutschland innerhalb eines Jahres vorkommenden Hüftfrakturen umfasst.

Die Forschenden kommen in ihrer Studie zu dem Fazit, dass Patientinnen und Patienten, die in einem Krankenhaus mit orthogeriatrischem Co-Management behandelt wurden, ein geringeres Risiko hatten, nach einer Hüftfraktur zu versterben. Vor allem in den ersten 30 Tagen nach der Aufnahme war die relative Mortalitätsrate um 22 Prozent geringer. „Aus den Zahlen können wir abschätzen, dass durch orthogeriatrisches Co-Management etwa 30 Todesfälle pro 1000 Hüftfrakturen vermieden werden. Dieses eindrucksvolle Ergebnis zeigt, wie notwendig die interdisziplinäre Zusammenarbeit hier ist“, so Professor Rothenbacher.

Dabei war die Aufenthaltsdauer der Betroffenen in Krankenhäuser mit orthogeriatrischem Co-Management zwar länger als ohne (19,8 Tage im Vergleich zu 14,4 Tagen). Dieser Wert relativierte sich aber wieder, wenn man die Gesamtbehandlungsdauer beobachtet. Insgesamt wurden Patientinnen und Patienten mit Hüftfrakturen im orthogeriatrischem Co-Management im Durchschnitt lediglich zwei Tage länger behandelt.

Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Konsortialprojekts „Prevention and Rehabilitation of Osteoporotic Fractures in Disadvantaged Populations 2 – PROFinD2“ gefördert.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dietrich Rothenbacher, Leiter des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie, Tel.: 0731/50-31060, dietrich-rothenbacher@uni-ulm.de

Originalpublikation:
Rapp K, Becker C, Todd C, Rothenbacher D, Schulz C, König HH, Liener U, Hartwig E, Büchele G: The association between orthogeriatric co-management and mortality following hip fracture—an observational study of 58 000 patients from 828 hospitals. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 53–9. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0053


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