Hohenstein Forscher veröffentlichen Studie über ein vielseitiges Keim-Übertragungsmodell

Infektionskrankheiten sind weltweit verbreitet und haben erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Auch deutsche Versicherer sehen in kommenden Pandemien das größte Risiko für unsere Gesellschaft (Ärzte Zeitung, Januar 2012). Die mit Abstand häufigsten Infektionserkrankungen sind Magen-Darm-Infektionen: Ob die alljährlich wiederkehrende Norovirus-Welle oder die EHEC-Epidemie im Jahre 2011, fast jeder Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens ein- oder mehrmals an einem Magen-Darm-Infekt.

In einer aktuellen Studie der Forschungsabteilung Hygiene, Umwelt und Medizin der Hohenstein Institute verfolgten Wissenschaftler Ansteckungswege in einer öffentlichen Toilette. In diesem Szenario untersuchten sie die mögliche Übertragung von Bakterien, Pilzen und Viren von einer Keimquelle über die Hände von Testpersonen auf verschiedene Objekte im Raum (z. B. Toilettenbürste, Türklinke, Wasserhahn), welche durch die Berührung selbst verunreinigt werden und in der Folge eine eigene Infektionsquelle darstellen. Mit dem neuen Keim-Übertragungsmodell wurde z. B. untersucht, wie viele Mikroorganismen über die Hand einer Person von der Toilettenbürste auf die Türklinke übertragen werden und welche Keimmengen die nächste Person, welche die Tür öffnet, mit ihrer Hand weiter verbreitet.

Die praxisnahe Studie der Forscher um Prof. Dr. Dirk Höfer korreliert erstmals Keimübertragungswege zu derzeit bekannten infektiösen Dosen von Bakterien, Pilzen und Viren. Zwar reduzierte sich erwartungsgemäß die Anzahl lebensfähiger Erreger bei jedem Übertragungsschritt in der Toilette von Händen auf Objekte, doch einige Krankheitserreger wurden durch Kontakt mit kontaminierten Oberflächen noch in ansteckenden Dosen auf andere Testpersonen übertragen. Die Ergebnisse der Studie lassen den Schluss zu, dass ein Ansteckungsrisiko vor allem abhängig von der infektiösen Dosis des jeweiligen Krankheitserregers ist. Bei Durchfall erregenden Viren oder Bakterien, z. B. Norovirus oder EHEC, sind nur wenige Partikel oder Zellen für eine Infektion ausreichend. Dies bedeutet, dass in öffentlichen Toiletten für andere Personen ein hohes Risiko besteht, mit einer ansteckenden Dosis dieser Keime in Berührung zu kommen. Auf der anderen Seite besteht durch die Nutzung derselben Toilette nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit der Ansteckung mit Erregern, die eine hohe Infektionsdosis verlangen, wie z. B. Genitalpilze.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler des Fachbereichs Hygiene, Umwelt und Medizin erscheinen in Kürze im Fachmagazin Journal of Applied Microbiology. doi: 10.1111/j.1365-2672.2012.05234.x.

Das neue Keim-Übertragungsmodell wollen die Forscher nun auch zur Beurteilung anderer Infektketten einsetzen, es ist z. B. ohne weiteres übertragbar auf andere öffentlich zugängliche Umgebungen, wie Restaurants oder Hotels (siehe Abbildung). Gleichzeitig erlaubt die Methode die Untersuchung antimikrobieller Oberflächen, die heutzutage auch zur Infektionsprävention eingesetzt werden. „Wir müssen das Spektrum unserer Prüfmethoden erweitern, weg von den Standard-Laborverfahren nach Norm, hin zu praxisnahen Modellen, die uns eine realistische Abbildung von Infektionsketten und Einschätzung der Risiken ermöglichen.“ sagt die Projektleiterin Dr. Anja Gerhardts vom Institut für Hygiene und Biotechnologie an den Hohenstein Instituten.

Wie wichtig solche praktischen Prüfmodelle sind, zeigt eine aktuelle Studie, die in einem Krankenhaus in Jerusalem durchgeführt wurde. Dabei wurde die Keimbelastung der Dienstkleidung von 135 Ärzten und Pflegekräften untersucht. Bei etwa 60 % der Proben wurden potentielle Krankheitserreger gefunden, darunter auch Antibiotika-resistente Keime (MRSA). „Dies zeigt uns die hohe Relevanz von Textilien als potentielle Infektionsquelle im Krankenhaus. Wie der Status der Textilhygiene bei uns in Deutschland aussieht, wissen wir nicht, hier liegen bislang keine vergleichbaren Untersuchungen vor.“, sagt Prof. Höfer. „Wir planen, das erfolgreich eingesetzte Übertragungsmodell für Mikroorganismen in der Zukunft weiterzuentwickeln und unsere Untersuchungen auch auf Textilien auszuweiten, die im Gesundheitssystem eingesetzt werden. Davon erhoffen wir uns nützliche Informationen für sinnvolle Maßnahmen zur Durchbrechung von Infektionsketten.“

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