Gerhart Unterberger – Lebensqualität und Heilungsförderung

Zusammenfassung
Aktuell wird das onkologische Hildesheimer Gesundheitstrainings (HGT) in einer multizentrischen Studie seit 3 Jahren klinisch evaluiert.
Bereits jetzt, da 78 Probandinnen in die Studie aufgenommen werden konnten, lässt sich die beab-sichtigte deutliche Steigerung der Lebensqualität und des erlebten Gesundheitszustandes sowie vieler Faktoren, die zu dieser Verbesserung beitragen, im Vergleich zur Kontrollgruppe klar und deut-lich belegen:
• Hoffnungslosigkeit nimmt bei der HGT- Gruppe hoch signifikant ab, Hoffnung und Optimis-mus nehmen zu
• Die am HGT Teilnehmenden erleben mehr Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit
• Sie können besser mit Stress umgehen
• Sie schätzen die eigenen Gesundheit viel positiver ein
• Die Einschätzung der Lebensqualität nimmt schnell und deutlich zu.
Dies führte auch zu einer sehr positiven Bewertung des Hildesheimer Gesundheitstrainings und zu einer interessanten Abnahme an Arztbesuchen im 2. Halbjahr nach der primären Behandlung.

Die klinische Evaluation

Nach der Entwicklung des Forschungsdesigns und der Erhebungsinstrumente begann in 2008 der klinische Test als multizentrische Studie in Kooperation mit Kliniken in Hildesheim, Hameln und Wiesbaden.
Geplant war, die Evaluation in einem Experimental- und Kontrollgruppendesign mit mög-lichst je 200 Patientinnen und Patienten durchzuführen; leider war aber die Anwerbung von Patienten und Patientinnen deutlich schwieriger und langwieriger als erwartet und hat nur in einer Klinik (in Hameln) wirklich gut geklappt. So mussten wir uns vorerst auf Frauen mit Brustkrebs konzentrieren, um mit den vorhandenen Forschungsmitteln in einem über-schaubaren Zeitraum zu belastbaren Ergebnissen zu kommen.

Aktueller Stand der Studie

Im Moment – nach ca. 3 Jahren – haben wir etwas über 78 Frauen in der Studie. Für die-sen Zwischenbericht werten wir die Ergebnisse der Befragung nach der primären Behand-lung, die primären Befunde, die Ergebnisse der Nachbefragung nach einem halben Jahr (also auch nach dem HGT) und der (noch nicht komplett vorliegenden) Nachbefragung nach einem Jahr aus, die späteren klinischen Befunde können im Moment noch nicht aus-gewertet werden.
Der Gesundheitszustand der Patientinnen 1 Jahr nach den primären Behandlungen (und ggf. nach dem HGT) kann also im Moment zwar über die subjektiven Einschätzungen, aber noch nicht über medizinische Befunde beurteilt werden.

Kennwerte zu Experimental- und Kontrollgruppe

Experimental- und Kontrollgruppe zeigen in vieler Hinsicht keine signifikanten Unterschiede, abgesehen davon, dass die anfängliche emotionale Belastung in der Experimentalgruppe etwas größer zu sein scheint. Es zeigt sich beispielsweise kein signifikanter Unterschied im diagnostizierten Tumorstadium, tendenziell liegt die Experimentalgruppe etwas ungünstiger. Ebenfalls zeigt sich kein signifikanter Unterschied in der Tumorgröße, tendenziell waren in der Experimentalgruppe die Tumore etwas größer.

Ergebnisse

Die Hoffnungslosigkeit nimmt in der HGT- Gruppe ab – Hoffnung und Opti-mismus nehmen zu

Mit Hilfe der H-Skalen – der Skalen zur Erfassung von Hoffnungslosigkeit (in der Version für nichtklinische Zielgruppen) – wurde die Veränderungen in der Zukunftserwartung gemes-sen.
Es zeigte sich eine hoch signifikante Abnahme von Hoffnungslosigkeit in der HGT- Gruppe, während die Kontrollgruppe keine signifikante Entwicklung zeigt.
Wir interpretieren dieses Ergebnis im Sinne unseres ziel- und ressourcenorientierten HGTs als eine sehr bedeutsame Zunahme an Hoffnung und Optimismus.

Weitere Beispiele für Verhaltens- und Stimmungsänderungen durch das HGT

Wenn sich TN der HGT- Gruppe mit ihrem Zustand vor einem halben Jahr vergleichen, so geben sie an, dass sie sich jetzt ruhiger und ausgeglichener fühlen, besser schlafen, sich besser entspannen können und mit Stress und Belastungen besser zurecht kommen.
Die Kontrollgruppe hingegen beantwortet diese und ähnliche Fragen eher mit „stimmt eher nicht“.

Beispiele für Veränderungen durch das HGT
Skala: Stimmt völlig (1)…stimmt gar nicht (6)

HGT- Gruppe

Kontrollgruppe
Ich fühle mich ruhiger und ausgeglichener
2,6 3,7
Ich schlafe besser
2, 9 3,6
Ich komme mit Stress und Belastungen besser zu-recht 2,6 3,4
Ich kann mich körperlich besser entspannen
2,5 3,2
Einschätzung der eigenen Gesundheit

Während sich die HGT- Gruppe anfangs deutlich schlechter als die Kontrollgruppe einschätzte, stieg in der Phase, in der sie am HGT teilnahmen, ihre Einschätzung stark an und blieb auch später auf hohem Niveau, während die Kontrollgruppe ihren Gesundheitszustand tendenziell eher niedriger bewertete.

Physiologische Lebensqualität

Zu dieser positiven Einschätzung der Gesundheit passt auch, dass die HGT- Gruppe ihre mit Hilfe des WHOQOL gemessene physiologische Lebensqualität deutlich besser beurteilt.

Die Lebensqualität insgesamt nimmt bei der HGT- Gruppe stark und schnell zu

Auch die Lebensqualität generell (wieder gemessen mit dem WHOQOL) wird nach dem HGT weit besser beurteilt als in der Kontrollgruppe, einen wichtigen Beitrag dazu liefert si-cher der hoch signifikante Gewinn bei der physiologischen Lebensqualität.

Deutliche Abnahme der Arztbesuche in der HGT- Gruppe

Hat diese positivere Sicht der eigenen Gesundheit und die erlebte höhere Lebensqualität auch Auswirkungen auf die Zahl der Kontakte zu Ärzten?
Es zeigt sich, dass die Zahl der Arztbesuche über ein Jahr hin bei der Kontrollgruppe in etwa gleich bleibt, sie sich jedoch bei der HGT- Gruppe im 2. Halbjahr fast halbiert.

Wir vermuten, dass dieser interessante Befund sowohl eine Folge eines höheren Selbstver-trauens, geringerer Zukunftsängste und der beschriebenen höheren Lebensqualität ist, aber auch eine Folge des wahrgenommenen besseren Gesundheitszustandes. Beides dürfte dazu beitragen, dass Ängste und Sorgen seltener zu Arztkontakten führen.
Wir warten gespannt darauf, dass die objektiven medizinischen Daten im notwenigen Um-fang vorliegen, um diesen subjektiv wahrgenommenen besseren Gesundheitszustand auch über objektive Messwerte zeigen zu können.

Die Einstellung zum Hildesheimer Gesundheitstraining

Auf einer 6-Punkte-Skala von „stimmt völlig“ (1) bis „stimmt gar nicht“ (6) haben die TN die folgenden sehr positiven Bewertungen gegeben; sie stimmen zu, dass das HGT ihnen per-sönlich genutzt hat, sie es anderen empfehlen würden und dass sie Info und Anregungen bekommen haben. Sie lehnen die Aussage ab, mit dem HGT nicht viel anfangen zu können.

Literatur und Internet

G. Krampen: Skalen zur Erfassung von Hoffnungslosigkeit (H-Skalen)
Hogrefe, Göttingen u. a. 1994

G. Krampen: ASS-SYM: Änderungssensitive Symptomliste zu Entspannungserleben, Wohlbefinden, Beschwerden- und Problembelastungen
Hogrefe, Göttingen u. a. 2006

Angermeyer C. M., Kilian R., Matschinger H. (2000): WHOQOL – 100 und WHOQOL – BREF
Handbuch für die deutschsprachige Version der WHO Instrumente zur Erfassung von Le-bensqualität
Hogrefe, Göttingen u. a.

www.hildesheimer-gesundheitstraining.de

www.krebstherapie-media.de

Kontakt

IT Institut für Therapie und Beratung an der HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen
Prof. Dr. Gerhart Unterberger

Hohnsen 1, 31134 Hildesheim
05121 881 421, it@hawk-hhg.de
www.hildesheimer-gesundheitstraining.de

Anhang:

Das Forschungsprojekt „Lebensqualität und Heilungsförderung“

Ziel des Vorhabens ist es, ein umfassendes Angebot für die Onkologie bereitzustellen, das hoch effizient und außerdem klinisch getestet ist.
Durch überwiegende Gruppenarbeit ist es mit niedrigen Kosten realisierbar. Das Konzept baut auf umfangreichen Forschungsarbeiten an der HAWK HHG (in Zusammenarbeit mit mehreren Kliniken) und den bisherigen Erfahrungen mit dem Hildesheimer Gesundheitstraining auf.

Das Modell umfasst Angebote für Patienten und die dafür notwendige Fortbildung:

1. Angebote für Patienten während der medizinischen Therapie:
• Gesundheitsfördernde Einzelgespräche
• Das Therapiebegleitsystem (Trancen auf CDs) zur vertieften Unterstützung und Ver-ringerung von Ängsten und Nebenwirkungen

2. Module für Patienten in der Rehabilitationsphase – ein multidisziplinäres Schu-lungskonzept:
• Modul A: Das onkologische Hildesheimer Gesundheitstraining 2.0 für mehr Lebens-qualität und die mentale Förderung der Selbstheilung
• Modul B: Ein spezifisch an Alter und Geschlecht angepasstes Rehabilitationssport-, Tanz- und Bewegungsangebot
• Modul C: Medizinische Informationen zu Krebs, Therapie, Ernährung etc. – gesund-heitsfördernd und ressourcenorientiert vermittelt
• Modul D: Das Hildesheimer Gesundheitstraining zur Schmerzlinderung (optional)

3. Die Fortbildungen
• Die Basis: „Gesundheitskommunikation & Gesprächsmedizin“ – ein Training der hei-lungsfördernden Kommunikation für Ärzte und Mitarbeiter
• Die Fortbildung zum Hildesheimer Gesundheitstraining ermöglicht es einer Einrich-tung, obige Angebote mit den eigenen Mitarbeitern zu realisieren.

4. Eine Gesundheitssupervision für Ärzte und Mitarbeiter
Dieses mentale Gruppentraining (die präventive Form des Hildesheimer Gesundheitstrai-nings) eignet sich hervorragend dazu, Ressourcen zu aktivieren, um bei höherer Lebens-qualität mit den Belastungen des Klinikbetriebs besser fertig zu werden.

Exkurs
Einige Gesundheitssupervisionen werden vom IT wissenschaftlich begleitet, um die empirische Basis zu verbreitern, so in einer AWO-Einrichtung in Rheinland-Pfalz oder in der KRH Psychiatrie Wuns-torf. Fassen wir einige zentrale Ergebnisse zusammen:

• Die TN verfügen über mehr Mittel um leistungsfähig und gesund zu bleiben,
• Die Resistenz gegenüber ungünstigen Bedingungen nimmt bei den TN zu,
• Stresssymptome nehmen ab, Stressreaktionen entstehen seltener und
• damit nimmt auch die Resilienz zu.
• Darüber hinaus nehmen Hoffnung und Optimismus zu und
• die wahrgenommene soziale Unterstützung erhöht sich;
• insgesamt bewerten die TN ihre Lebensqualität nach dem Training deutlich höher.
Damit zeigt sich die Gesundheitssupervision als sehr effektives Verfahren, das sowohl den TN als auch der Einrichtung nutzt.

Das Hildesheimer Gesundheitstraining (HGT) in Stichworten

• Das Hildesheimer Gesundheitstraining wurde speziell und gezielt für die mentale Therapie chronisch Kranker entwickelt und mehrfach klinisch getestet.

• Das HGT stellt ein umfangreiches System für Gruppen von ca. 12 Personen für 8-10 Sit-zungen a 3 Stunden (üblicherweise 1x pro Woche) zur Verfügung (Trainerhandbuch, Patien-tenhandbücher und Materialien, wie auch CDs mit Trancen).

• Eine einjährige berufsbegleitende Fortbildung bereitet auf die Arbeit mit dem System vor.

• Verhaltenstherapie, Hypnotherapie und NLPt bilden den Hintergrund der Verfahren.

• „Einzelberatung in der Gruppe“: Das HGT verbindet in innovativer Weise die Gruppenar-beit, die Einzelberatung und die selbständige Arbeit mit Medien (CDs). Die „Einzelberatung in der Gruppe“ hat den großen Vorteil, dass die Teilnehmer parallel zueinander an ihren spe-ziellen Fragen arbeiten können. Viele Verfahren des HGTs wie auch die speziell entwickelten „kunstvoll vagen“ Trancen übermitteln Strategien, die Menschen jeweils auf ihre individuellen Fragestellungen anwenden können ohne über ihre Probleme sprechen zu müssen. Die Folge dieses Vorgehens ist es, dass in weiten Bereichen bei den einzelnen Teilnehmern ähnliche Effekte wie etwa bei einer sehr viel aufwendigeren hypnotherapeutischen Einzelarbeit er-reicht werden können.

• Einsatz von Medien: Zwischen den Sitzungen und nach Ende des Trainings können die Teilnehmer mit Hilfe von den Problemlösestrategien in den Trancen auf CDs und in den "Hausaufgaben" weiter an ihren Fragen arbeiten.

• Das HGT ist ziel- und ressourcenorientiert und deshalb ist auch die Atmosphäre in den Gruppen angenehm und lebendig, da sich die Teilnehmer in weiten Bereichen nicht mit Prob-lemen und Beschwerden, sondern mit ihren Zielen, dem Sinn ihres Lebens und ihren Fähig-keiten befassen.

• Um die spezifische Anpassung an Krankheiten zu gewährleisten, wurden bisher 6 Formen entwickelt und klinisch getestet. Und zwar für den Einsatz in der Orthopädie (bei chroni-schen Rückenerkrankungen), Onkologie, Allergologie (bei Allergien und Asthma), Kardiologie, zur Schmerzlinderung und zur Prävention (die "Gesundheitssupervisi-on"). Die onkologische Form des HGTs baut auch auf den Erfahrungen mit den traditionellen onkologischen Gruppenverfahren (psychoonkologische Gruppentherapien, Bochumer Ge-sundheitstraining, Training nach Simonton etc.) auf.

• Die Formen des HGTs haben das gleiche strategische Konzept, die verwendeten Verfah-ren, Materialien, Trancen etc. sind jedoch krankheitsspezifisch.
(idw, 08/2010)

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