Genetischer Zusammenhang zwischen Vorurteilen und Sozialangst

Die Forscher untersuchten Kinder mit einer seltenen genetischen Störung, dem Williams-Beuren Syndrom. Kinder mit diesem Syndrom weisen ein besonderes, überfreundliches Verhalten auf, das "Hypersozialität" genannt wird. Hierbei ist die Sozialangst deutlich verringert, was zu ungewöhnlich freundlichem Verhalten auch gegenüber Fremden führt, aber auch die Unfähigkeit bedeutet, soziale Bedrohungen zu erkennen.

In ihrer Studie zeigten die Wissenschaftler Kindern (im Alter von fünf bis sechzehn Jahren) einige Zeichnungen von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe oder Geschlechts (siehe Abbildungen) und baten sie, diesen Menschen Eigenschaften zuzuordnen. Gesunde Kinder wiesen sowohl den Geschlechtern als auch den ethnischen Gruppen stark stereotypisierte Eigenschaften zu und bestätigten damit frühere Studien, die aufzeigten, dass solche Stereotypen schon mit drei Jahren voll entwickelt sind.
In deutlichem Gegensatz dazu, zeigten die Kinder mit dem Williams-Syndrom keine Hinweise auf Vorurteile bezüglich der Hautfarbe. Männern und Frauen hingegen wiesen sie in genau dem gleichem Ausmaß wie die gesunden Kinder stereotype Rollen zu.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Gehirnmechanismen, die zu verschiedenen Formen von Stereotypen führen, unterschiedlich sein können, und dass diese durch die genetische Störung, die das Williams-Syndrom verursacht, selektiv beeinflusst werden. Da das Williams-Syndrom mit einer deutlichen Verringerung der sozialen Angst verbunden ist, liegt der Rückschluss nahe, dass soziale Angst eine Rolle bei der Entwicklung von Rassenvorurteilen spielt, jedoch nicht bei Vorurteilen bezüglich des Geschlechts. Auf diese Weise erweitert das einzigartige "Experiment der Natur" des seltenen Williams-Syndroms, unser Verständnis darüber, wie Vorurteile im Allgemeinen entstehen.

Frühere Arbeiten dieser und anderer Gruppen zeigten, dass soziale Informationen im Gehirn von Menschen mit Williams-Syndrom anders verarbeitet werden. Diese Resultate haben Bereiche wie die Amygdala – einen "Gefahrensensor" des menschlichen Gehirns – der auch bei der Betrachtung von Menschen anderer ethnischer Gruppen involviert ist, ins Zentrum des Forschungsinteresses gerückt.

Die vorliegende Studie eröffnet neue Wege zum Verständnis des entscheidend wichtigen wissenschaftlichen und sozialpolitischen Themas der Entstehung von Stereotypen und kann für die Entwicklung von Interventionen zur Reduktion voreingenommenen Verhaltens gegenüber vulnerablen Gruppen oder Randgruppen der Gesellschaft einen Beitrag leisten.

Publikation:
Santos1,2 Andreia, Meyer-Lindenberg1 Andreas & Deruelle2 Christine. Absence of racial, but not gender, stereotyping in Williams syndrome children.
1Central Institute of Mental Health, Mannheim, Germany;2Mediterranean Institute of Cognitive Neuroscience, CNRS, Marseille, France. Current Biology, Volume 20, Issue 7, R307-R308, 13. April 2010.
(idw, 04/2010)

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