Frühe Frühchen – Entwicklungsauffälligkeiten oft erst spät erkannt (Teil 3)

Frühchen – Auch bei optimaler Betreuung zu früh geborener Kinder während der Geburt und der Tage danach besteht bei ihnen immer ein erhöhtes Risiko für spätere Entwicklungsauffälligkeiten. Eine niedersächsische Langzeitstudie von 2008 lieferte erstmals aussagekräftige Informationen über die Entwicklung extrem kleiner Frühgeborener in den ersten zwei Lebensjahren. 64 Prozent dieser Kinder wiesen Defizite auf, 20 Prozent davon wurden sogar als deutlich entwicklungsauffällig beschrieben. Gezeigt wurde in der Studie auch, dass sich die Entwicklung eines Kindes oft erst nach einem längeren Zeitraum beurteilen lässt. Ein nicht unerheblicher Anteil der geistig zurückgebliebenen Kinder wurde nicht schon bei den ersten Tests nach sechs Monaten erkannt, sondern erst bei denen nach zwei Jahren.

Ehemalige Frühgeborene brauchen daher enge Untersuchungsintervalle, um Abweichungen von der normalen Entwicklung frühzeitig erkennen zu können. „Neben der Versorgung durch den Kinderarzt sind spezielle Untersuchungen in einem Sozialpädiatrischen Zentrum – kurz SPZ genannt – eine sinnvolle Ergänzung“, so Dariusz Michna, Leiter der Neonatologischen Intensivstation im Elisabeth-Krankenhaus Essen, einem Perinatalzentrum Level 1. „Zwei Jahre nach der Geburt laden wir deshalb alle Eltern von Frühchen noch einmal zu einer kostenlosen Entwicklungskontrolle ihres Kindes in das SPZ unseres Hauses ein.“

Bayley Scales
Ein SPZ ist eine besondere Form der ambulanten Versorgung, hier arbeiten Spezialisten verschiedener Berufsgruppen eng zusammen: Mediziner, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Sozialpädagogen. „Entwicklungsverzögerungen bei ehemaligen Frühgeborenen können isoliert im sprachlichen, motorischen, geistigen und seelischen Bereich auftreten – häufig sind jedoch alle Bereiche gemeinsam betroffen“, erläutert SPZ-Leiterin Dr. Ursula Frohne, Ärztin für Psychotherapie, Kinderheilkunde und Jugendmedizin. „Mittels eines international standardisierten Verfahrens – dem so genannten Bayley Scales of Infant Development – überprüfen wir die Fähigkeiten und Leistungen der Kinder. Ziel der Frühgeborenen-Nachsorge ist es, Entwicklungsstörungen und -verzögerungen frühzeitig zu erkennen, um gezielte Therapien – z.B. Krankengymnastik, Ergotherapie oder Frühförderung – ergreifen zu können. So können die Startbedingungen der Kinder vielfach noch vor Kindergarten- und Schulbesuch verbessert werden. Ein weiteres Ziel der Nachsorge ist auch die Stärkung der elterlichen Kompetenzen. Eltern, die um die Schwächen ihrer Kinder wissen, sind eher in der Lage, ihnen die bestmögliche Unterstützung zu geben. Die Qualität des Familienklimas und die Lernerfahrungen, die Eltern ihren Kindern bieten, können vielen ehemaligen Frühgeburten helfen, Risiken und Entwicklungsverzögerungen auszugleichen.“ (EKE 12/2009)

In der kleinen Serie "Frühe Frühchen" sind erschienen:

Scroll to Top