Friedensnobelpreisträger in Lindau – Laureat José Ramos-Horta empfiehlt die Disziplin Frieden

Lindau, 30.09.2012.
Der Friedensnobelpreisträger José Manuel Ramos-Horta hat den Veranstaltern der natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Lindauer Nobelpreisträgertagungen empfohlen, dem Thema Frieden ein Forum zu bereiten. Der ehemalige Präsident der Demokratischen Republik Timor-Leste sagte anlässlich seines Besuchs in Lindau am Bodensee am Sonntag, dem 30. September: “I urge the organisers to open the meetings for a fifth discipline: peace”. (Ich bitte die Veranstalter eindringlich, die Tagungen für eine fünfte Disziplin zu öffnen: Frieden.) Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg, Präsidentin des Kuratoriums für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau, dankte für die Anregung und kündigte an, man werde die Möglichkeiten hierfür prüfen und alle denkbaren Optionen erörtern. „Die Einbindung von Friedensnobelpreisträgern in den Lindauer Intergenerationen-Dialog hat bereits eine lange Tradition. Es wäre eine Bereicherung für alle Beteiligten, insbesondere natürlich für die vielseitig interessierten jungen Wissenschaftler auf unseren Tagungen, wenn es gelingt, diese Integration zu verstetigen“, sagte Gräfin Bernadotte. Ihr Vater Graf Lennart Bernadotte hatte die Nobelpreisträgertagungen 1951 gemeinsam mit zwei Lindauer Ärzten als Initiative zur Aussöhnung und Vernetzung von Wissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen.

Heute bieten die Lindauer Nobelpreisträgertagungen jungen Wissenschaftlern aus der ganzen Welt alljährlich ein Forum für den Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie zur Inspiration und Kontaktpflege. Sie sind im regelmäßigen Turnus abwechselnd den naturwissenschaftlichen Nobelpreis-Disziplinen Physiologie oder Medizin, Physik und Chemie sowie den Wirtschaftswissenschaften gewidmet. Spezielle Fachthemen stehen dabei ebenso im Fokus wie der breite gesellschaftliche Dialog über die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung und wichtige Fragestellungen von globaler Tragweite. In der über 60jährigen Geschichte der Tagungen haben auch immer wieder Friedensnobelpreisträger teilgenommen: Albert Schweitzer, Willy Brandt, Linus Carl Pauling, Muhammad Yunus, Rajendra Pachauri, Vorsitzender des ausgezeichneten Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), und Unni Karunakara, Präsident der ausgezeichneten Organisation Médecins Sans Frontières.

Auf Einladung des Kuratoriums und der Stiftung der Lindauer Nobelpreisträgertagungen hielt José Ramos-Horta im Alten Rathaus vor geladenen Gästen und interessierten Bürgern einen Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde. Der Titel lautete „Health and Education for a Better World“ (Gesundheit und Bildung für eine bessere Welt). Die Veranstaltung wurde mit Unterstützung des städtischen Kulturamts, der Lindauer „friedens räume“ sowie der Schwäbischen Zeitung durchgeführt. Im Verlauf seines Aufenthaltes besuchte Ramos-Horta auch die Ausstellung „Nobelpreisträger im Porträt“ im Lindauer Stadtmuseum sowie das Friedensmuseum in der Villa Lindenhof.

José Ramos-Horta, 1949 in der heutigen Hauptstadt Dili geboren, engagierte sich über Jahrzehnte für die Unabhängigkeit seines Heimatlandes Ost-Timor. 1996 erhielt er gemeinsam mit seinem Landsmann Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts in Ost-Timor. Nach der Unabhängigkeit des Landes wurde Ramos-Horta 2007 zum Präsidenten der Demokratischen Republik Timor-Leste gewählt. Er hielt das höchste Staatsamt bis Mai 2012 inne und engagiert sich weiterhin aktiv für den nachhaltigen Wiederaufbau seines Landes.

Als Mitglied der 268 Laureaten zählenden Stifterversammlung der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen am Bodensee unterstützt Ramos-Horta die „Mission Education“ der Stiftung und des Kuratoriums. Zu ihren Zielen gehört es, dass der Beitrag von Wissenschaft und Forschung zur Förderung der Humanität, des Gemeinwohls, der Nachhaltigkeit und des Friedens in der Welt interkulturell und generationenübergreifend debattiert wird. Die diesjährige 62. Nobelpreisträgertagung vom 1. bis 6. Juli war der Physik gewidmet. 29 Laureaten und 592 Nachwuchswissenschaftler nahmen hieran teil. Im nächsten Jahr steht die Chemie im Fokus der 63. Tagung, die vom 30. Juni bis 5. Juli 2013 stattfinden wird.

Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen

Seit 1951 führen die Lindauer Nobelpreisträgertagungen alljährlich die angesehensten Wissenschaftler ihrer Zeit mit hervorragenden jungen Wissenschaftlern aus der ganzen Welt zusammen. Für jeweils eine Woche begegnen sich Nobelpreisträger der jeweiligen Disziplin und rund 550 Nachwuchswissenschaftler aus bis zu 70 Ländern, um voneinander zu lernen, Wissen, Ideen und Erfahrungen auszutauschen, ihre Begeisterung für die Wissenschaft zu teilen und neue wertvolle Kontakte zu knüpfen. Die jungen Teilnehmer haben ein mehrstufiges internationales Auswahlverfahren durchlaufen.

Vorträge, Diskussionen, Podiumsdiskussionen und Master Classes machen den Großteil des Programms der Tagungen aus. Doch die Lindauer Nobelpreisträgertagungen lassen ihren Teilnehmern bewusst Raum für Inspiration und Reflexion, für persönliche Begegnungen und intensive Gespräche – darin unterscheiden sie sich von üblichen wissenschaftlichen Konferenzen. Neben der Spitzenforschung messen die Tagungen universell wichtigen Themen wie der Nachhaltigkeit oder der Verantwortung von Wissenschaftlern in und gegenüber der Gesellschaft größte Bedeutung bei.

Die Veranstalter sind das 1954 gegründete Kuratorium für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau e. V. und die im Jahr 2000 gegründete Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen am Bodensee. Ihr Leitmotiv „Educate. Inspire. Connect.“ begleitet nicht nur die Tagungen, es ist auch richtungsweisend für das gesellschaftliche Engagement des Kuratoriums und der Stiftung, für ihre „Mission Education“. Zahlreiche Projekte wie die Lindauer Mediathek oder das Wissenschaftskommunikations-Projekt „Nobel Labs 360°“ vermitteln die Faszination von Wissenschaft und Forschung, leisten Denkanstöße und regen zur Diskussion an.

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