Forschung und Klinik wohlausbalanciert

Köln – Cleveland – Köln: Das sind die wesentlichen Stationen in Stefanie Kürtens bisheriger wissenschaftlicher Laufbahn. Jetzt ist auch noch Würzburg dazu gekommen: Seit Mai ist die 29-Jährige Professorin für Anatomie und Zellbiologie an der Universität Würzburg. Hier will sie ihre Forschung fortsetzen, in deren Mittelpunkt die Multiple Sklerose steht.

Forschung an Multipler Sklerose

„Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Erkrankung, die zu bleibender Behinderung und vorzeitiger Berentung bei jungen Erwachsenen führt“, sagt Stefanie Kürten. Nach Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft leben in Deutschland derzeit rund 130.000 Betroffene. Jährlich werden etwa 2500 Menschen neu mit MS diagnostiziert. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer.

Die „Krankheit mit 1000 Gesichtern“: So wird Multiple Sklerose bisweilen bezeichnet. Verantwortlich für diesen Namen ist die Tatsache, dass das Krankheitsbild sich von Patient zu Patient gewaltig unterscheiden kann – sowohl was den Verlauf betrifft als auch die Beschwerden. Dabei zeigt sich allerdings bei allen der prinzipiell gleiche Befund: Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der ein bestimmter Zelltyp des Gehirns, die so genannten Oligodendrozyten, vom Immunsystem zerstört werden. Oligodendrozyten bilden eine Isolierschicht um die Fortsätze der Nervenzellen, die für eine effiziente Reizleitung notwendig ist. Ist diese Reizleitung als Folge von Schäden in der Isolierschicht gestört, können die Nerven die jeweiligen „Botschaften“ nicht so wirkungsvoll übertragen wie zuvor.

Forschung mit klinischer Ausrichtung

Die Balance zwischen Grundlagenforschung und klinischer Ausrichtung zu halten: Das beschreibt Stefanie Kürten als ein Ziel, das sie mit ihrer Arbeitsgruppe in ihrer Forschung verfolgt. Dafür analysiert sie beispielsweise die Schädigungsmuster im zentralen Nervensystem. Mit Hilfe der Elektronenmikroskopie begibt sie sich auf die Suche nach den kleinsten Veränderungen. „Unser Ziel ist es, neue Therapieansätze zu entwickeln, die der Gewebsschädigung entgegenwirken“, sagt sie.

Darüber hinaus konnte Stefanie Kürten zeigen, dass B-Zellen, eine wichtige Untergruppe der Zellen des menschlichen Immunsystems, eine zentrale Rolle in der MS-Erkrankung einnehmen. „Über Jahrzehnte wurde dieser Zelltyp bei der Betrachtung der Multiplen Sklerose vernachlässigt, doch die Entwicklung einer B-Zell-abhängigen MS scheint eng mit dem Fortschreiten der Erkrankung verbunden zu sein“, sagt die Wissenschaftlerin. Um diesen Verdacht zu erhärten untersucht sie derzeit mit ihrer Arbeitsgruppe die Beteiligung von B-Zellen an der Erkrankung im Tiermodell intensiv.

Des Weiteren entwickelt das Team Biomarker für Patienten, mit deren Hilfe es möglich sein soll, mit einer Blutuntersuchung das Vorliegen einer B-Zell-abhängigen MS nachzuweisen. Dieser Test soll die Erkrankung besser vorhersehbar und behandelbar machen.

Ausgezeichnet in der Lehre

Neben der Wissenschaft gilt Stefanie Kürtens Engagement der anatomischen Lehre. „Ich halte eine enge Anbindung des Fachs an die Klinik als entscheidend für die erfolgreiche weitere Ausbildung und freue mich, wenn es mir gelingt, das wissenschaftliche Interesse bei den Studierenden wecken zu können“, sagt sie. Das scheint ihr bisher mehr als gut gelungen zu sein. An der Universität zu Köln hat sie sowohl 2008 als auch 2010 den Fakultätspreis der Lehre für die Vorklinik erhalten; zusätzlich hat sie von 2009 bis 2012 jedes Jahr den Preis der Lehre beziehungsweise die Auszeichnung „Beste Dozentin“ von der Fachschaft Medizin bekommen.

Zur Person

Stefanie Kürten hat von 2002 bis 2008 an der Universität zu Köln und an der Case Western Reserve University in Cleveland/Ohio Humanmedizin studiert. Bereits in dieser Zeit war sie als Promotions- und Forschungsstipendiatin in Cleveland tätig.

Seit November 2008 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut I für Anatomie der Universität Köln; 2009 wurde sie promoviert. Im Februar übernahm sie dort die Leitung einer Arbeitsgruppe für Neuroanatomie und Neuroimmunologie. Im März 2010 erhielt sie den amerikanischen „Doctor of Philosophy degree“ (Ph.D.)

Nach diversen weiteren Forschungsaufenthalten in den USA habilitierte sich Stefanie Kürten im Oktober 2011; im Mai 2013 nahm sie einen Ruf an die Universität Würzburg an.

Kontakt

Prof. Dr. Stefanie Kürten, T: (0931) 31-85998, E-Mail: stefanie.kuerten@uni-wuerzburg.de

Scroll to Top