„Familie schon lange kein Gedöns mehr“: Ministerin von der Leyen ermahnte Medizinischen Fakultätentag

Anhaltenden Beifall erntete Arbeitsministerin Ursula von der Leyen für ihren ebenso faktischen wie eindringlichen Appell für mehr Familienfreundlichkeit an den Hochschulen im Rahmen der Eröffnung des 71. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentages am 3. Juni 2010 in Hannover. Wie der Dentista Club berichtet, legte die Ministerin den Hochschulen und Kliniken das Thema Frauen- und Nachwuchsförderung als Zukunftsaufgabe auf den Tisch. Das Thema sei „schon lange kein Gedöns mehr“, Deutschland und auch seine Hochschulen stünden „im Wettbewerb um die besten Köpfe und damit auch im Wettbewerb um gute Ideen“. Die Medizin habe ein Nachwuchsproblem, ebenso die Forschung. Sie sehe als Arbeitsministerin die steigende Anzahl an Ärztinnen und machte ihr Anliegen deutlich: „Es ist wichtig, die Weichen hier richtig zu stellen!“ Deutschland rutsche in einen Fachkräftemangel, viele Stellen im Gesundheitsbereich könnten nicht besetzt werden. Zwar seien die jungen Frauen und auch die jungen Männer von der Bildung erreicht worden, nun zeige sich aber, dass „wir uns dieser Entwicklung nicht angepasst haben.“ Es sei nach wie vor schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, dabei seien die jungen Menschen ein Riesenpotential, das dem eigenen Land zur Verfügung stehe: „Wir kennen doch die Bruchstellen in den Karrieren ziemlich gut – tun wir etwas dagegen?“ Mit dem Blick auf bessere Förderung des hochschulausgebildeten akademischen Nachwuchses setzte sie ein Gegenmodell zu den Empfehlungen ihrer Vorrednerin, Niedersachsens Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Prof. Dr. Johanna Wanka, die für eine Öffnung der akademischen Ausbildung auch für qualifizierte Heil-Hilfsberufe plädiert hatte.

Bedenklich: Beruf und Familie inkompatibel
Die aktuellen Zahlen stimmten bedenklich: Unter den jungen Medizinstudentinnen seien 60 % weiblich, 86 % von ihnen hätten einen klaren Kinderwunsch – aber 79 % meinten, Kind und Beruf seien nicht vereinbar. Ministerin von der Leyen: „Das ist ein fatales Signal!“ Was wie ein Frauenproblem wirke, sei in Wahrheit ein Thema für Frauen und Männer gleichermaßen. Auch junge Männer wünschten sich mehr Zeit für die Familie – ein Ziel, das mit dem Aufstieg in höhere Qualifikationen immer ambivalenter werde. Es sei wichtig, dass sich auch junge Männer für ihre Familieninteressen einsetzten und zusammen mit den Kolleginnen die Kombination „care & career“ einforderten. Kümmern und Karriere müsse sich verbinden lassen – insbesondere in der Medizin mit ihrer Betonung auf „care“ und der langen Ausbildungszeit in der klassischen Phase der Familiengründung. In der Altersklasse 28 bis 35 Jahre brächen die Frauen weg trotz hochqualifizierter Ausbildung. Während der Anteil der Frauen unter den Promovierenden rund 50 % ausmache, schrumpfe die Frauen-Anzahl bei den Habilitierenden auf 30 %, unter den C4-Professoren schließlich betrage die Menge der Frauen gerade einmal 4 %. Mit einer eindringlichen Denkpause stellt sie die Frage an das aus Hochschulleitern höchstkarätig besetzte Auditorium: „Wo sind diese Frauen alle geblieben?“

Mehr Flexibilität gefordert
Noch heute sei das Unterbrechen einer Karriere zugleich das Ende einer Karriere – die Hochschulen und Kliniken müssten wegkommen vom Denken in Blockmodellen und Karriere in Phasen ermöglichen. Dies erfordere kluge Leitungsentscheidungen, beschrieb sie anhand ihrer eigenen Erfahrungen vor rund 25 Jahren als Assistenzärztin an der MHH. Das Signal, das heute an junge Ärztinnen und Ärzte gesendet werden müsse, laute: „Sie sind uns willkommen mit ihrem Fachwissen – und mit Ihren Kindern!“ An das Auditorium gerichtet, sagte die Ministerin: „Machen Sie die Türen auf! Schauen Sie nicht, was NICHT geht mit Kindern, sondern was MIT Kindern geht.“ Es gelte, junge gebildete Menschen mit Schaffenskraft zum Hierbleiben zu motivieren: Wenn 67 % aller Nachwuchswissenschaftler, die sich eine Tätigkeit im Ausland vorstellen könnten, dies mit „dort besser zu vereinbarenden Möglichkeiten von Beruf und Familie“ begründeten, sei dieses ein deutliches Warnsignal. Deutschland, auch die Medizinischen Hochschulen, brauchten Lösungen für den Spitzennachwuchs – insbesondere mehr Flexibilität auf den verschiedensten Ebenen. An einigen Universitäten ließe sich bereits ablesen, mit wie wenig Aufwand eine Hochschule elternfreundlicher werden könne, so mit speziellen Prüfungsterminen, Kontaktbörsen, kinderwagenfreundlichen Gebäuden und mehr E-Learning. Auch die Rückkehr von Ärztinnen und Ärzten nach der Familienphase müsse optimiert werden. „Mein Appell an Sie: Schaffen Sie Freiräume, auch im Kopf, für eine familiengerechte Medizinerlaufbahn!“ Kinder seien „ein Grund zur Freude – nicht zum Karrierebruch“, und Eltern seien keine Bittsteller. „Werden Sie Trendsetter und ergreifen Sie die Chance“, forderte sie von den Konferenzteilnehmern. Eltern zeigten hohe Verantwortungsbereitschaft, Schaffenskraft und ein langfristiges Bindungsverhalten – wenn dies in Ausbildung und Beruf mehr berücksichtigt würde, so Ministerin von der Leyen, „dann ist mir für dieses Land nicht bange.“

Sie habe vor Leitpersonen gesprochen, sagte Prof. Dr. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages nach dem anhaltenden Applaus. Sicher sei nicht in zwei Jahren mit einem Babyboom an den Hochschulen zu rechnen: „Aber wir müssen einen Weg finden.“

BU-Vorschlag:
Hochschulen und Kliniken sollten flexibler für Ärztinnen und Ärzte mit Kindern werden, ermahnte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vor dem Medizinischen Fakultätentag

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