Faktoren erfolgreicher translationaler Forschung

Am Hauptstadtkongress waren renommierte Forscher aus Wissenschaft und Industrie dazu eingeladen, unter der Moderation von Prof. Dr. Heyo Krömer, Dekan der Universitätsmedizin Göttingen, die Ursachen für den unzureichenden Transfer von Forschungsergebnissen in den medizinischen Alltag zu diskutieren und Lösungswege für die Zukunft aufzuzeigen. Translationale medizinische Forschung lag lange Zeit erfolgreich fest in Händen der Pharmazeutischen Industrie, die wissenschaftliche Entdeckungen frühzeitig aufgriff und zu wirksamen Medikamenten und Produkten der Medizintechnik entwickelte. Dieser Prozess von einer raschen und erfolgreichen Überführung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis kam in den vergangenen Jahren zunehmend ins Stocken.
Auf dem Podium waren mit Prof. Dr. Martin Hrabé de Angelis, Vorstand im Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) und Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München sowie Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Genetik an der TU München, und Prof. Dr. Dr. h.c. Otmar Wiestler, Sprecher des Deutschen Konsortiums für translationale Krebsforschung (DKTK) und Vorstandsvorsitzender des DKFZ in Heidelberg, zwei Vertreter der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) anwesend. Sechs DZGs wurden im Laufe der vergangenen Jahre vom BMBF gegründet, mit dem Auftrag, Forschungsergebnisse im Bereich großer Volkskrankheiten, wie Diabetes oder Krebs, zeitnah in die medizinische Versorgung zu bringen.
Als weiterer Repräsentant war Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Rietschel, Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), am Podium. Den Blickwinkel der Industrie vertraten Prof. Dr. Andreas Busch, Mitglied des Bayer Healthcare Executive Committees, und Prof. Dr. Hermann Requardt, CEO des Healthcare Sektors bei der Siemens AG.
Die Runde war sich einig, dass nur ein integrativer Forschungsansatz, der verschiedene Forschungsdisziplinen vereint, das komplexe Geschehen, dass vielen Erkrankungen zu Grund liegt, zu entschlüsseln vermag. Dabei kann nur ein enger Austausch von Grundlagenforschern und klinisch tätigen Ärzten zu Therapiestrategien führen, die zum Wohle der Patienten möglichst zeitnah in die Arztpraxen und Kliniken gelangen sollen. Mit den DZGs, in denen klinische Wissenschaftler an Universitäten und Grundlagenforscher außeruniversitärere Forschungseinrichtung sich gemeinsam der translationalen Forschung verschrieben haben, setzte das BMBF auf nationaler Ebene ein Zeichen in diese Richtung. Erste Forschungsergebnisse der DZGs zeigen, dass die Gründung der DZGs ein richtiger Schritt war und weiter ausgebaut werden muss. Hrabé de Angelis zeigte auf: „Die Forschung in Europa muss näher zusammenrücken, um zum einen, kreative interdisziplinäre Ansätze verfolgen zu können, und zum anderen, eine weltweit relevante kritische Masse an Forschung aufrecht zu erhalten.“
Aber auch die Patienten nehmen zunehmend eine tragende Rolle bei der Gestaltung zukünftiger therapeutischer Behandlungen ein. Zusammengeschlossen in Patientenorganisationen üben sie Druck auf die Politik aus, die Erforschung einzelner Erkrankungen finanziell zu stärken und Kosten für innovative Therapien frühzeitig zu übernehmen.
Einen weiteren Ansatzpunkt für erfolgreiche Translation in der Forschung orteten die Experten in dem Schatz von medizinischen Daten, die im klinischen Alltag mit aufwändigen Diagnoseverfahren generiert werden. Bis dato stehen diese kaum für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung. „Neue Technologien wie die Sequenzierung des Erbguts der Patienten oder fortschrittlicher bildgebender Verfahren bescheren der Medizin momentan eine Zeit großer Umbrüche. Es werden riesige Mengen an Daten gesammelt, deren Auswertung neue Erkenntnisse über Erkrankungen und deren erfolgreiche Behandlung bringen wird.“ Bringt Prof. Hrabé de Angelis eine der großen Herausforderungen auf den Punkt. Das dieser Datenschatz bisher nur unzureichend analysiert wurde, liegt neben den nationalen Datenschutzbestimmungen vor allem auch am Mangel an fachkundigem Personal, dass Algorithmen zur Analyse solch immenser komplexer Datenmengen zu entwickeln vermag.
Hrabé de Angelis blickte dennoch optimistisch in die Zukunft: „Wenn meine Kinder später mal medizinische Hilfe benötigen, werden personalisierte Präventions- und Therapiemaßnahmen, die aus den riesigen Datenmengen gewonnen werden, zum Standard gehören.“

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